Der berockte Mann
Gliederung und Leseprobe
Inhalt - Kapitel
001 Wie ich als optimierter Mann in einem Raumschiff erwache und was meine Föi-Fee in den Mund nimmt
002 Warum mir passiert ist, was mir passiert ist
003 Feya setzt mir orale Morgengymnastik und eine erste Wohnungsbesichtigung auf den Tagesplan
004 Nicht nur unterm Schottenrock ist etwas des Besingens Wertes. Warum Frauen bessere Männer sein möchten, aber Männer keine besseren Frauen
005 Ich verlasse das Haus im Leinenkleid und werde für rockig erklärt
006 Wie Feya mich durch 100 Millionen Jahre Erdevolution spazierend langsam auf mein erstes Zwangsdate einstimmt
007 Warum bei Reisen in die Vergangenheit zwar kein Großvaterparadoxon auftritt, die Föi sie aber trotzdem meiden
008 Wie dank Feya das gemeinsame Mittagessen mit der mir zugeteilten Frau unerwartet unterhaltsam wird, ich aber hungrig bleibe
009 Meine erste Unterrichtsstunde. Anne spielt vertraute Freundin und Peter ist schwul
010 Ich spiele Diogenes im Schlaraffenland. Diagnose: Brunchlatte
011 Ein Account wird angelegt und erste Freundinnen meiner Männlichkeit melden sich
012 Will Marlene mit mir schlafen, wenn sie mich fragt, ob ich das mit ihr wolle, und von der Anomalie des Wassers
013 Kein Date im Park mit Marlene. Vielleicht werde ich schon Vater
014 Ich verspeise von Anne vorbestellte aphrodisierende Salate und Feya zeigt Taktgefühl
015 Wie Mann Probleme mit seinen Eierstöcken bekommen kann. Ich schreibe die Geschichte vom Exil der Ganzen, um zu illustrieren, dass wir es hätten schlimmer treffen können
016 Ich ging im Walde nicht nur so für mich hin … Unterwegs zum Ende der Welt
017 Plötzlich bin ich ein Held
018 Eine Unterrichtsstunde mit Erdbeeren und Astrologie, Schwangerschaft und Revolution
019 Warum wir Menschen keine Föi zu Gesicht bekommen (1):
Wie es Feya erklärt
020 Warum wir Menschen keine Föi zu Gesicht bekommen (2):
Wie es Anne erklärt
021 Es droht spannend zu werden
022 Marlene entpuppt sich als klug - in Negligé und ohne
023 Die Sache mit meinem Schwangerschaftsbauch: Wie entbindet man eine Revolution? Marlene grillt meinen inneren Schweinehund
024 Mein Duell mit Feya
025 Alt geblieben, nackt und allein – Feya, wo bist du?
Anlagen:
„Kalmaris' irdische Thesen zu Geschlecht und Gendern“
Erzählung „Der Placebo-Effekt“
Erzählung „Wirklichkeiten“
Märchen „Milan auf der Frameninsel“
Erzählung „Im Exil der Ganzen“
Erzählung „Tanjas wegen“
001 Wie ich als optimierter Mann in einem Raumschiff erwache und was meine Föi-Fee in den Mund nimmt
Ich bin Kalmaris, der Schriftsteller. Googeln Sie mich! Ist nicht schlimm, dass Sie mich noch nicht kennen, aber dass ich seit Jahrzehnten Nacktschläfer bin, sollten Sie wenigstens wissen und dass ich mich des Waschmittelduftzusatzes wegen abends in eine häufig frisch bezogene Decke hülle.
Wie üblich rochen am Abend des 23. Februar 2022 also weder Bettbezug noch Laken nach abgestorbenen Hautschüppchen oder angeschwitzten Poren. Ich hätte Ihnen das gern vor Ort bewiesen, aber dafür ist es zu spät.
Ich verschlief damals die Zeit in seliger Sicherheit, alles um mich herum ginge in vertrauter Langeweile weiter. Was hätte die schon stören sollen? Nichts deutete darauf hin, dass mein Leben anders als gewohnt gemächlich verlaufen könnte. Ich war ja nur ein Mann mit altersschwachem Rentenanspruch und Möchtegern-Schriftsteller.
Auf die Idee, dass nicht viel später Leute aus unterschiedlichen Gründen den Beginn einer „Zeitenwende“ ausrufen könnten, wäre ich nie gekommen, aber damit wohl kaum aufgefallen. Ich war also unschuldig an allem.
Als ich von der „militärischen Spezialoperation“ russischer Truppen in der benachbarten Ukraine hörte, stöhnte ich erst einmal laut auf: „Nun auch dieser Putin …“ Muss ich große Politik verstehen?
Aber zurück zum damaligen Datum, das ich nur erwähne, weil es eben Zufälle gibt, bei denen große und weniger große Ereignisse zusammenfallen …
Ich lebte jedenfalls bis dahin genügsam, hoffte aber auchals Rentner noch auf mir bevorstehende Höhepunkte ohne Vorstellung, wie für mich infrage kommende aussehen könnten. Ich kannte nur einen für Sonntage: Das Blättern im Kalender. Der beantwortete die Frage, welche Termine in der jeweils bevorstehenden Woche drohten. Heimlich erhoffte ich zwar irgendwelche positiven Überraschungen, in Wirklichkeit aber waren es immer nur Arztbesuche; die Spannung lag allein im Fachgebiet … das Alter eben. Ich ging mit meinen Krankheiten zu Bett statt mit Krankenschwestern und stand auch wieder mit ihnen statt mit denen auf.
So auch an jenem Februarmorgen 2022 … Allerdings wunderte ich mich da schon zwischen Halbschlaf und Erwachen ein wenig: Hatten mich in den gerade vergangenen Sekunden Töne in meinem Schlafzimmer geweckt? Ich schaltete sofort auf Stressmodus: Da konnten gar keine Geräusche sein. Ich schlief schließlich, wie erwähnt, allein. Wer oder was hätte da geräuscheln sollen? Ehe ich entschieden hatte, ob ich noch träumte oder neuerdings halluzinierte, schwanden mir erst einmal die Sinne. Irgendwie hatte ich das Gefühl, frei durch die Luft zu schweben. Das fand ich nicht einmal unangenehm, denn das war etwas Neues, ein Raus aus allem Alltagstrott! Leider bollerte mein Herz und das ängstigte mich dann doch. Schließlich hatte meine Kardiologin meinem infarktgeschädigten Herzen nur noch 50 Prozent Leistung zugebilligt. Ich besuchte die Blondine gerne. Kein Grund für Eifersucht: Ich suchte auch regelmäßig meine Hausärztin auf, meine Neurologin, meine Urologin, meine Dentistin, meine Hämatologin, meine Ophtalmologin und einige Therapeutinnen – nicht dass mir jemand nachsagte, ich hätte keine Frauenkontakte gehabt.
Vorrangig der Herzschwäche wegen versuchte ich also augenblicklich, meine Verwunderung beim Aufwachen in den Griff zu bekommen. Doch wie auch immer ich meine Gedanken zu drehen versuchte, sie waren nicht davon abzubringen, dass das, worin ich gerade aufzuwachen glaubte, nicht das Bett war, in das ich mich am Abend schlafen gelegt hatte. Nicht nur das: Die Zudecke hatte einen fremdartigen Geruch und war demnach auch nicht die meine. Das konnte ich sogar ertasten. Sie war nicht aus Baumwolle …
Vorsichtig öffnete ich das linke Auge und spähte ins Dämmerlicht. Ergebnis des kurzen Checks: Selbst das sich sonst immer nach weiblicher Sorgsamkeit sehnende Schlafzimmer war mir fremd. Kein Bücherregal lockte in Griffweite.
Einige Selbstversuche als sich in den rechten Unterarm kneifender Linkshänder erhärteten den Verdacht: Obwohl ich am gesamten Vortag meine Wohnung nicht verlassen hatte und mir Kneipengeselligkeit – und damit eventuell verbundene nachfolgende Blackouts - schon lange fern lagen, war ich nicht bei mir zuhause. Wie kam ich also hierher, ja, wo war eigentlich HIER?
Für ein Normalmenschengehirn mag so eine Vorstellung etwas Grausiges an sich haben, mein Möchtegern-Schriftsteller-Herz dagegen schlug eher freudig schneller: Hurra, die Aliens entführen mich! Keine Ahnung, warum mir ausgerechnet Aliens einfielen. Das musste auch bei einem Science-Fiction-Autor nicht der erste Gedanke sein.
Mir aber fielen auf Anhieb ein paar von Anderen veröffentlichte Geschichten über erlebte Entführungen ein. Na gut, dass es die gab, wäre noch lange kein Hinderungsgrund, selbst eine zu erleben und aufzuschreiben. Immerhin wäre meine authentisch. Wer konnte das sonst schon von sich behaupten? Obwohl … eigentlich behaupteten das die anderen auch. Es folgte ein kurzer Schreck: Auch meine zunehmende Gedächtnisschwäche war ja in Behandlung, obwohl ich den Termin bei der Neurologin vergessen hatte. Wenn ich nun gerade die Superstory meines Lebens live erlebte und sie bis zum nächsten PC-Kontakt vergessen hätte? Ich brauchte unbedingt eine Merkhilfe!
Leider blieb mir keine Zeit, nach einer zu suchen. Neben mir geräuschte es wieder und dazu rumorte es ganz unangenehm in meinem Bauchraum. Ich konnte mich nicht mit mir einigen, ob ich in dem Moment eher ein Fall für die Neurologin oder die Gastroenterologin war, die ich bei der Auflistung meiner Frauenbekanntschaften unverzeihlicherweise vergaß, doch inzwischen war ich mir sicher: Ich war nicht allein in dem lichtarmen Raum! Wäre ich doch nur ein zupackender mitreißender Held gewesen! Immerhin … wenn ich einer Entscheidung nicht entkommen konnte, wollte ich sie lieber schnell hinter mich bringen anstatt zu zögern. Also schlug ich mutig das rechte Auge auf, winkelte entschlossen den linken Arm an und schob kampfbereit meinen Oberkörper in die Senkrechte.
Das blieb nicht ohne Wirkungen. Die erste: Es wurde heller im Raum. Die zweite: Ich konnte aus eben diesem Grunde sehen, dass rechts neben der mir zugebilligten Liegestätte jemand meines Erwachens harrte, was drittens zur Folge hatte, dass ich wieder auf den Rücken klatschte und die Lider auf ihre Funktionsfähigkeit prüfte. Doch so oft ich auch die Augen schloss und wieder öffnete, das Bild blieb: Auf einem mir fremden Schaukelstuhl, keine 80 Zentimeter von meinen gänsehäutig zusammengezogenen Poren entfernt saß eine Frau.
Ach, was sage ich? Frau … Selbst Rasseweib wäre eine Untertreibung gewesen. Die Weißbekittelte hätte wohl Helena, Aphrodite und Nofretete zugleich in den nicht vorhandenen Schatten gestellt.
Plötzlich wurde mir bewusst, dass mein sonst nackt schlafender Körper bekleidet war, und zwar mit etwas, das ich sonst als Patient in Krankenhäusern vor Operationen anzulegen gehabt hätte. Die Decke über mir verbarg das nur notdürftig, und zu meiner schnell aufkommenden Verlegenheit hob mein sonst immer bescheiden in Zehenrichtung schauendes Rentnerstück den dünnen Bettbezug an. Tatsächlich: Da war ein unübersehbarer Hügel entstanden! Wann war mir das denn das letzte Mal passiert – noch dazu in dieser Erheblichkeit?
„Freu dich lieber! Das ist eine Nebenwirkung deiner Optimierung. Ist sie dir zu stark? Ist nur der Übergang. Du wirst dich dran gewöhnen.“
Ich war sicher, das gehört zu haben. Welch elektrisierend warme Stimme! Konnte ein Defibrillator schwindende Lebensgeister besser zurückholen? Bestimmt nicht. Der Worte Sinn kam erst später bei mir an.
Antworten?! Mir war schon unangenehm genug, dass diese fremde Schönheit als erstes mein Stämmchen kommentierte, einmal ganz davon abgesehen, dass mir ein ganzes Büschel an Fragen vergeblich aus der Kehle herauszuwuchern versuchte.
Ich entschied mich dann doch für eine Frage, die zwischen bekittelter Schönheit und bekitteltem Ich im zwar unbekittelten, aber noch unbesehenen Raum mit Sicherheit nicht die wichtigste war: „Was für eine Optimierung?“
Fast im selben Moment stutzte ich. Auch in den Geschichten, die ich bei anderen Autoren über Entführungen durch Aliens gelesen hatte, sprachen die meist die Muttersprache des Entführten. Beim Lesen hatte mich das stets aufgeregt. Was für ein Quatsch! Deshalb schob ich, ohne die Antwort auf die Optimierungsfrage abzuwarten, verwundert nach: „… und warum sprichst du deutsch?“
Die Schöne antwortete zögerlich: „Das ist Zufall. Die ersten Menschen, denen wir begegneten, haben deutsch gesprochen. Wir hatten uns zunächst auf ein kleines Untersuchungsareal beschränkt, damit sich alle Beteiligten leichter miteinander verständigen können.“
Bevor ich etwas einwenden konnte, sprach die Schöne weiter: „Die Föi dachten, wenn sie von dir schon eine Totalmatrix anlegen, dann unterziehen sie die auch gleich der bei uns üblichen Allgemeinoptimierung.“
Mir passierte ein „Was für Föi?“, obwohl mir natürlich klar war, dass sich die Aliens so nannten. Die Frau fuhr jedoch fort, als hätte ich geschwiegen: „Das machen wir bei allen Expeditionen zu sich entwickelnden Intelligenzen so. Keine Sorge, an deiner Persönlichkeit ist nichts verändert worden, aber körperliche Mängel wurden vor der neuerlichen Materialisierung eliminiert. Mangelhafte Organe haben wir durch dauerhaft zweckentsprechende Körperbaugruppen ersetzt. Das müsste auch in deinem Interesse sein. In unserem auf jeden Fall, denn der ganze Aufwand lohnt sich erst bei ausreichend langer verbleibender Nutzungsdauer, die ihr Lebenserwartung nennt. Na, und zu mindestens einfacher Reproduktion sollte jeder Projektmensch in der Lage sein. Du verstehst?“
Das war eindeutig eine Aufforderung an mich, etwas zu sagen, aber ich konnte nur verwirrt fragend gucken. Noch bevor ich etwas über die Lippen brachte, erläuterte mir meine Betreuerin – ich hatte mich für diese vorläufige Bezeichnung entschieden; mit Namen hatte sie sich ja noch nicht vorgestellt, mit Funktion auch nicht: „Na, zwei Kinder bekommen ist einfache, ab drei ist erweiterte Reproduktion. Die wäre nicht schlecht. Ach, entschuldige, nein, bekommen musst du sie nicht. Für den Zweck haben wir für dich eine Frau gefunden.“
Hätte die Betreuerin nicht ausgesehen, wie sie eben aussah, wäre ich vielleicht aufgesprungen und hätte nach einer Fluchttür gesucht. So lächelte ich auszüglich und fragte: „Und das bist du?“
Ich sagte das mit einem Unterton, der ihr hoffentlich unmissverständlich klar machte, dass mir diese Aussicht zusagte. Ich war einfach zu schüchtern, das in ein Kompliment zu kleiden.
„Das geht nicht. Vielleicht lässt du mich deine Situation im Zusammenhang erklären? Dann wird deine minimale menschliche Gehirnkapazität nicht überfordert.“
Das war hart. Immerhin bekam ich Zeit, kurz nachzudenken und ruhig mein Einverständnis zu nicken.
Meine mich Dominierende quittierte das mit einer Art Grinsen, dass mein Stämmchen, das bis dahin die Decke hochgedrückt hatte, zum drucklosen Zweiglein schrumpfte.
„Entschuldige, dass die Umstände deines Hierherkommens und Erwachens bisher nicht zuließen, mich vorzustellen. Man nennt mich Feya. Einen solchen Namen gibt es in vielen eurer Sprachen und er bedeutet Fee. Das hättest du dir sogar vor der Optimierung merken können. Ich bin ein Roboter, ein möglichst menschengerecht gestalteter Androide, Biomat oder wie immer ihr das nennen mögt. Ich bin ein Servicesubjekt zu deiner durchgängigen und umfassenden Verfügung. Die Föi haben entschieden, dass ein direkter optischer Kontakt mit ihnen sich auf den Verlauf des Projekts störend auswirken würde. Das menschliche Emotionalsystem bedarf einer besonders großen Vertrautheit, um ausreichend schnell eine positive Beziehung aufzubauen und konstruktiv zu handeln. Meine Föi-Schöpfer haben versucht, mein Aussehen den ästhetischen Vorstellungen desjenigen Menschen anzupassen, dem ich als Serviceroboter dienen soll, in meinem Fall also den deinen. Sie haben das Prinzip der Zweigeschlechtlichkeit berücksichtigt und meine Betreuerschaft als potentielle geschlechtliche Partnerschaft mit dir gestaltet, wenn auch unter Ausklammerung der Produktion menschlicher Nachkommen innerhalb meines Gehäuses. Mein Programm ist selbstlernend. Fragen kannst du mich also im Prinzip alles und mich behandeln, als wäre ich ein Mensch. Ich habe aber auch eine Funktion, über die ich fachlich kompetente Föi oder den zentralen Datenspeicher zuschalten kann. Ich werde deine Fragen und Kommentare übersetzen und an Stelle der Fachleute antworten. Ich hoffe, ich bin für dich nicht langweilend geraten.“
„Nein, bestimmt nicht …“, stammelte ich und mit Entsetzen in der Stimme „Eine Androidin!“ Aber selbst wenn ich „Ein Marsmädchen!“ ausgerufen hätte, hätte das meine Biomatin wohl nicht beeindruckt.
Etwas peinlich war es mir nun, dass sich schon wieder dieses optimierte jugendlich-erotische Verlangen hochdrängte. Ich überlegte krampfhaft, wie ich jene Ausbeulung unbemerkt unsichtbar machen könnte, da führte ausgerechnet dieser Zustand zu einer Störung in Feyas Redefluss. Ich hätte schwören können, ein amüsiertes Zucken in ihren Mundwinkeln gesehen zu haben, aber wahrscheinlich war das meiner Fantasie zuzuschreiben. Ob diese Föi ihrer Androidin einen Mimik-Analysator eingebaut hatten oder Feya anderweitig auf Männerdenkweisen hin programmiert worden war … auf jeden Fall kam diesmal eine Antwort auf meine ungestellte Frage: „In Sinne von euch Menschen bin ich eine Maschine, ja. In gewissem gerade euch Männern wichtigen Sinn bin ich aber auch darauf eingestellt, vorübergehend nicht anderweitig abbaubare Libidostauungen zu lösen. Ich bitte dabei nur um schonende Behandlung, denn meine Dermatologisches simulierende Oberschicht ist begrenzt belastbar. Im Sinne der Erhöhung anderweitiger geistiger Aufnahmefähigkeit deinerseits ist im Moment vielleicht eine Leistungsprobe angebracht?“
In der Überzeugung, dass Feya in ihrer eigentümlichen Ausdrucksweise nicht gemeint haben konnte, wovon ich hoffte, dass sie es gemeint hatte, breitete sich auf meinem Gesicht ein Ausdruck aus, den Feyas Mimik-Analysator, so er denn existierte, als Mischung aus Verwirrung, Nachfragebedürfnis und unterdrückter Hoffnung identifizierten musste.
„Welchen Teil von 'durchgängige und umfassende Verfügung' hast du nicht verstanden? Ich habe doch unmissverständlich erklärt: Ich bin dazu da, deine Bedürfnisse zu befriedigen, dich zu bedienen.“
Die Fee schritt sofort zur Tat. Ich hätte auch „zur Operation“ sagen können, denn mit sicheren Griffen schälte sie mich aus dem OP-Hemd und beugte sich über meinen solcherart freigelegten Behandlungsbereich.
„Hände oder Mund? … Besser Mund – dann muss das Laken nachher nicht gleich gewechselt werden.“
Ich weiß nicht, ob mir das zur männlichen Ehre gereichte,aber total überwältigt überließ ich Feya die Initiative. Es wäre sicher auch gelogen gewesen, hätte ich meinen Gesichtsausdruck als intelligent bezeichnet.
Während ein vager Begeisterungsgedanke kurz in mir aufkam, was dort entgegen der meinem Alter zukommenden Gemächlichkeit an Energie und Materie freigesetzt wurde, hörte ich schon Feyas Frage: „Nochmal?!“ Bevor ich reagieren konnte, erläuterte sie: „Keine Sorge, ich schleuse deine organische Absonderung wie normale Nahrung durch meinen Verdauungsimitator, nur was den Geschmack angeht, wurde bei meiner Konstruktion auf Rezeptoren verzichtet. Ich kann also deine Einspeisung nicht als süß, bitter, salzig oder sauer bewerten. Frag also bitte nicht danach!“
Feyas Zungenfertigkeit überzeugte mich. Ich speiste ihren „Verdauungsimitator“ noch zweimal mit potentiellen Vaterschaften. Ich wagte es kaum zu hoffen: DAS sollte ich jetzt immer können? Solch Optimierung gefiel mir. Danach war ich, wenn auch etwas erschöpft, selbst als optimierter Mann nicht mehr unterbauchfixiert, sondern auf Erklärungen gefasst, die mir Feya bis dahin noch nicht hatte geben können oder wollen.
„Im Moment bist du mit dir zufrieden?“ Feyas Gesicht zeigte weder Lächeln noch Grinsen, aber beides glaubte ich aus der Stimme herauszuhören. Es war wohl doch eher Feststellung als Frage. Sollte ich trotzdem antworten? Meine innere Aufsässigkeit hatte sich in ein abgedunkeltes Eckchen zurückgezogen. Der Gockel hätte zwar immer noch gern gekräht, hatte dafür aber einen zu gebogenen Hals. Meinen männlichen Stolz hatte Feyas Mund verschluckt, und wenn sie so weitermachte, würde ich ihre Lippen anbeten. Sollte sie sprechen. Ich würde zuhören. Vielleicht war nun sogar Gelegenheit, sich umzusehen, wo ich mich überhaupt befand. Als zur Höflichkeit erzogener Mensch war ich allerdings verurteilt, während der Unterhaltung meine Gesprächspartnerin anzusehen, und ich sage es noch einmal: Diese Höflichkeit wäre mir wohl auch dann leichtgefallen, wenn ich zum Flegel erzogen worden wäre …
002 Warum mir passiert ist, was mir passiert ist
…
Tanjas wegen
Erzählung in "Der berockte Mann"
Leseprobe
Der 25. November war kein besonderer Tag. Bis 7 Uhr schlief ich ruhig und ohne Albträume. Nur mein Computerwecker stand seit Mitternacht auf null Uhr, denn die Weckfunktion war wie alle fakultativen Services des Accounts zurückgenommen worden.
Tanja war in der Nacht aus ihrem Bett gestiegen und die paar Schritte barfuß zu dem meinen getapst. Ich hatte sie wie immer an mich gezogen und beruhigend gebrummt. Die Schlafzimmertemperatur war da schon auf 15 Grad gesunken, aber das merkten wir beide nicht. Wir wärmten uns ja aneinander.
Tanja war das dritte in meinem Bauch gewachsene Kind. Ich hatte mich für die Leihmutterschaft als Gelderwerb entscheiden müssen. Ich erweckte einen zuverlässigen und zugleich gebildeten Eindruck. So hatte meine Arbeit Erfolg versprechend mit der Übergabe zweier Jungen an ihre sozialen Eltern begonnen. Beide vermögenden Auftraggeberfamilien waren mit mir zufrieden. Die Trockenbaums versprachen in freudigem Überschwang sogar, mich unsterblich zu machen. Natürlich kamen sie später nicht wieder darauf zurück. Was verspricht man nicht alles im Glücksrausch des Augenblicks.
Das nächste Embryo wurde dann als werdendes Mädchen erkannt. Das aber hatte der Vertrag ausgeschlossen. Ich sollte abtreiben. Für Mädchen bedürfe es ja wohl keiner althergebrachten Schwangerschaft. Ich weigerte mich, womit ich für meinen Beruf untragbar war. Von da an kümmerte ich lange vor mich hin, immer hart an der Grenze, vom Netz genommen und gelöscht zu werden. Allein in den illegalen Survivalzonen hätte keiner nach meinem Vergehen gefragt. Dort überlebten angeblich einige Outsider sogar ohne Servicenummer und Chips und all dem Zeug, das bewies, dass man – wenn auch nur für begrenzte Zeit – lebendig war.
Richtige, eben unsterbliche Existenz steht nur der vermögenden Elite zu. Per Anschluss ans Ewige Neuronennetzwerk (ENW) sieht sie sich permanent durch ihren Wünschen gemäß generierte Landschaften laufen. Sie schmeckt die edelsten Speisen, ohne wirklich essen zu müssen, ja, sie genießt die traumhaftesten Partner ohne jeden störenden Streit. Ansonsten ändert sich wenig gegenüber ihrem Vulgärleben. Quantenrechnersysteme haben schon da die meisten Lebensfunktionen optimiert übernommen …
Ich hätte gern weiter geträumt, aber Tanja stößt mir ihren Ellenbogen zwischen die Rippen. Nicht gerade hellwach blinzele ich. Entdecke besorgt, dass sich Tanja halb aufgedeckt hat. Ich decke sie wieder zu und gehe ins Bad. Mich beschleicht das vage Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt, anders ist als sonst. Ich komme weder dazu, mir darüber Gedanken zu machen noch in Ruhe die Zähne zu putzen. Tanja steht in der Tür. Sie hält sich die linke Hand über die Augen und quäkt „Warum läuft denn gar keine Musik?”
Das also ist es – das ewige leise Berieseln mit harmonisierenden Klängen fehlt. Ich laufe ins Wohnzimmer. Tatsächlich: Gespenstische Stille, der Monitor dunkel, kein Signallicht am Tower.
Ich drücke halb verärgert, halb verängstigt den Neustartknopf. Auf dem Bildschirm erscheinen drei überdimensionale Ausrufezeichen. Als hätten sie nur darauf gewartet, dass ich sie anstarre, lösen sie sich auf. An ihrer Stelle macht sich ein Schriftzug auf dem ganzen Monitor breit: „Sie haben die vorausgegangenen automatischen Warnungen nicht ernst genommen.”
Tanja tritt hinter mich. Fragt: „Is was, Mama?”
Ich antworte schnell: „Nein, nein.”
Wie, um mich Lügen zu strafen, kommt die nächste Meldung. „Sie haben seit sieben Tagen Ihr genehmigtes Kreditlimit überschritten. Gleichen Sie innerhalb der nächsten 72 Stunden Ihr Konto aus! Sollten Sie diese Chance bis zum 28. November, 0.00 Uhr, missachten, wird auch der Rest Ihres Nutzercodes gelöscht. Alle Schaltfunktionen verbleiben dann in ihrer jeweiligen Stellung. Ist diese mit einem Verbrauch verbunden, wird er auf Null korrigiert. Sie existieren dann nicht mehr. Die Entsorgung Ihrer Überreste vereinbaren Sie bitte jetzt mit einer der nach Betätigung des OK-Buttons angebotenen Firmen!”
Ich setze mich zitternd auf den Computersessel. Vor mir scrollt eine Liste über den Bildschirm. Ich versuche, den Computer abzuschalten, aber anstatt mir zu gehorchen setzt er sein Fremdprogramm bei den Ausrufezeichen fort. Das ist also eine Endlosschleife, die der Computer bis zum 27. November, 24.00 Uhr, ununterbrochen abarbeiten wird. Dann kommt die Dunkelheit, eine verschlossene Wohnungstür … oder – was genauso schlimm wäre - eine nicht mehr verschließbare, sollte sie gerade offen sein. Aber was hätte ich mit dem Offenlassen meiner Wohnungstür gewonnen, ohne elektronischen Code fürs Haus? Alle Zähler, Strom, Wasser … einfach alles wäre für mich unerreichbar. Ich wäre tot. Und Tanja auch. Wenn ich es nicht schaffe …
Beim zweiten Durchlauf der Schrift beginne ich zu frieren. Ich bin nackt, so unendlich nackt. Mit starrem Blick renne ich an Tanja vorbei ins Bad und drehe den Hahn für das heiße Duschwasser bis zum Anschlag. Die auf mich einprasselnden Schauer röten mir augenblicklich die Haut. Dampf lässt den Spiegel erblinden. Die Tür geht auf. Tanja wirft ihr Nachthemd neben die Toilette. Ihr Lachen klingt fern. Bevor ich mich ihr richtig zugewendet habe, höre ich sie schreien. „Au, Mama, das kocht ja!” Ich komme wieder zu mir, regele die Wassertemperatur herunter und fange an, Tanja zu bespritzen. Die aber lässt am Waschbecken kaltes Wasser laufen, formt ihre Hände zu Kellen und zielt auf meinen Bauch. „Treffer!” Ich quieke und bald sind wir außer Atem …
Wieder am Computer, beginne ich wie wild zu diktieren. Zum Mittagessen hole ich Tanjas Lieblingspizza aus dem Kühlschrank, und als sie nachmittags auf dem Hof spielen will, sage ich nur, „Ich ruf dich dann.” Da habe ich schon etwa 200 Mails versendet. Bettelbriefe, Bewerbungen um einem Gelegenheitsjob, Bitten um Vorschuss.
Inzwischen ist eine Anfrage nach einem Bild meiner Tanja eingegangen. Wenn noch keine Haare zwischen den Beinen gewachsen seien, hätte man Verwendung für sie … Woher hat dieser Ekelbock nur so schnell von meiner Tochter erfahren? Oder hängen sich die Programme der Kinderhändler einfach automatisch an Bewerbungen? Traurig werfe ich Tanjas Lieblingskleid in den Schmutzwäschebehälter.
Der 26. November vergeht ohne weitere Auffälligkeiten. Ich kann mich einfach nicht entschließen. Was ich über die Outsider gehört habe, schreckt mich ab. Ein verwildertes Dasein mit Tanja? Nein.
18 automatische Rückmeldungen sind eingegangen. „Es tut uns leid …“ Soll ich auch die unbeantworteten Mails zählen? Vielleicht kommt noch was Positives … am 27.?!
Vier Bieter erkundigen sich unterschiedlich offen nach Tanja. Mich wollen sie nicht, nur das Mädchen.
Bleibt denn wirklich nur die Möglichkeit, unter verschiedenen Formen des Entsorgens zu wählen?! Ich muss handeln, sonst werden wir in der abgedichteten Wohnung ersticken oder verhungern oder verdursten. Nein, wenn schon, dann sollen sie uns wenigstens professionell aus diesem Leben entfernen. Ich klicke den Katalog an.
„Wir garantieren einen Abschied von der Vulgärexistenz für Mutter und Tochter in würdiger Gemeinschaft – schmerzfrei und erfüllt mit Glücksträumen. Sogar steuerfinanziert!“
Kaum berührt der Cursor die Pforte des abgebildeten Gebäudes, verkünden zwei seriös gekleidete virtuelle Herren, dass sie gern für die gewünschte Operation zur Verfügung ständen.
Der Vertragstext blinkt auf. Bei einem Paragraphen stoppe ich kurz. Was?! … 'Ich stelle alle meine funktionsfähigen Organe anderen Vulgärexistenzen zur Nachnutzung zur Verfügung'?! Lässt sich das ablehnen? Natürlich. Wir leben ja in Freiheit. Da kann jeder über seinen Körper verfügen. Nur wer auf 'Weiter' klickt, bestätigt sein Einverständnis. Ich nicht. Ihr bekommt keine Ersatzteile aus meinem Körper … und aus Tanjas erst recht nicht. Mit dem Gefühl, es der Welt so richtig gezeigt zu haben, beende ich das Vertragsstudium und signiere mit Karte. Noch 30 Stunden ist das möglich.
Ich erzähle Tanja eine Gute-Nacht-Geschichte. Dann streiche ich ihr über die Stirn und frage im Tonfall des Märchens: „Wenn plötzlich zwei Männer kommen und wollen uns beide an einen Ort holen, an dem wir noch nie gewesen sind und von wo wir nie mehr zurückkehren, möchtest du dann mit?”
Tanja fragt: „Ist es da schön?”
Und ich antworte überzeugt: „Schöner als hier.” Und meine Tochter murmelt zufrieden: „Dann ja!” und schon ist sie eingeschlafen …
Als ich unter die Decke krieche, hat sie sich wie ein Embryo zusammengerollt. Kaum spürt sie meine Nähe, versucht sie mich wie einen Teddy zu umfassen. Obwohl sie ganz gleichmäßig atmet, kann ich nicht einschlafen. Oder gerade deshalb?
27. November, 7.30 Uhr. In meinen Schützengraben dringt eine weiße Wolke ein. Überall winzige Sternchen. Wie Schneeflocken. Sie krabbeln in meine Nase, ohne zu tauen. Ich möchte niesen, aber es geht nicht. Ich hole tief Luft … und endlich pruste ich alle diese Gassternchen wieder aus, erwache, öffne die Augen und … sehe in Tanjas verschmitzt feixendes Gesicht. Tanja krümmt sich vor Lachen und dann sieht sie hoch und krümmt sich schon wieder – wegen meiner Grimasse. Endlich entdecke ich das Haar in ihren Fingern, das sie gerade aus meinem Nasenloch gezogen hat, und rufe „Na warte!” 20 Minuten balgen wir herum …
Tanja ist beim Frühstück sehr still. Sie fragt nichts, guckt mich aber mehrmals prüfend an, ob wohl mit mir etwas nicht in Ordnung ist. Vielleicht fällt ihr auch nur auf, dass ich schweigsam bin, nicht so auf einen Spaß aus wie sonst. Nur was sollte ich sagen? Etwa die Wahrheit?! Mühsam unterdrücke ich meine zitternde Wut wegen der Leute, die so viele Leben auf ihren Konten horten. Leben, die sie nie verbrauchen können. Deren Ewigkeit funktioniert, solange die vulgäre Erde ihnen Energie in den Kreislauf pumpt. Abschalten müsste man ihre Computer. Mit einem Knopfdruck wären alle Unsterblichen gelöscht und uns Vulgärexistenzen ginge es besser.
Es begann in Schwerin
Leseprobe
Kapitel 1
In Schwerin bin ich noch nie gewesen. Jens meinte, das sei ein unbedingt zu beseitigendes Manko. Er schwärmte von seinem Geburtsort und versuchte, ihn mir plastisch vor Augen entstehen zu lassen. Ich müsse mir vorstellen, wie vom alten Zentrum der Stadt zum Neubaugebiet Großer Dreesch Straßenbahnen an einer verträumten Halbinsel namens Krösnitz vorbeirasen. Ich musste ein bisschen grinsen, denn ich habe noch nie eine „rasende“ Straßenbahn gesehen, aber egal. Ich verbrauchte schon alle Fantasie für das Bild von Leuten, die dort wohnen und Kinder großziehen wie jenes musterhaft brave Mädchen Sonja, meine spätere Klassenlehrerin in Eberswalde, oder jenen Jens, den späteren Kommissar, ja selbst die Petra Herbst, diese Mensch gewordene Bedrohung der ganzen Menschheit.
Jens hat mir viel von der Vorgeschichte erzählt, als sie alle noch nichts Böses ahnende Kinder waren. Ja, Herr Kommissar, das hast du wirklich sehr plastisch geschildert. Nur hast du dabei vergessen, dass du inzwischen mehr von jenen äußerlich unscheinbaren Kugeln weißt als zu Kinderzeiten. Spinnerei und wissenschaftliche Hypothese sind da eins. Jetzt, als Erwachsener, weißt du, dass Aliens am Wirken waren. Das verfälscht bestimmt die Erinnerung an jenes Kindererlebnis.
Genauso ist es mit den Vermutungen, was die Aliens sich bei den Dingern gedacht haben. Heute wissen wir, dass an verschiedenen Stellen der Erdoberfläche solche Mehr-Kugeln-Pakete hinterlassen worden sind. Die Aliens durften also erwarten, dass mindestens eines davon durch normale Menschen gefunden und wissenschaftlich untersucht würde. Dass nur eines auftauchte und ausgerechnet zum Gegenstand eines ernst genommenen Kinderspiels werden würde, war mathematisch unwahrscheinlich. Mehrere in ihrer Wirkung nicht vorhersehbare Zufälle führten letztlich zu Folgen, die niemand erwarten konnte.
Das ging schon damit los, dass vor mehreren tausend Erdjahren nicht vorauszuahnen war, dass jene Region einmal von Mecklenburgern bewohnt werden würde, noch dazu solchen, die einen ihrer beiden großen Fahrwege Richtung Seeenge selbstironisch „Stadionstraße“ nannten nach einem Projekt in der Frühzeit der damaligen DDR, das wegen des für solche Bauwerke ungeeigneten Untergrunds nach einigen hoffnungsvollen ersten Spatenstichen abgebrochen worden war. Unser Kommissar, der immer nach Schuld suchen muss, hielt deshalb dieses Bauprojekt für das Vorspiel zum Vorspiel der Katastrophe. Ich stimme ihm insoweit zu, dass die Geschichte anders verlaufen wäre, hätte man das Stadion wirklich zu Ende gebaut. Trotzdem war der tatsächliche Ablauf, zumindest am Anfang, nichts als eine unglückliche Verkettung von Zufällen. Genauso gut könnte man die Schulplaner anklagen, die wegen der geringen Kinderdichte auf der Halbinsel den dortigen Schülern den Besuch der Dreescher Brecht-Schule nahelegten. Sie hätten schließlich vorhersehen müssen, dass sie damit eine kleine „Dorfkinder“-Gruppe zu Mobbingopfern in der Stadtschule machten. Auch die Eltern, deren fruchtbringendes Liebesleben ausgerechnet genau sieben Kinder in eine Klasse trieb, sind nicht ohne Schuld. Um genau zu sein: Wichtiger war, dass die Zahl von sieben Schülern erst durch den ersten ausländischen Zugezogenen zustande kam, also dass der als Nicht-Krössie unter Nicht-Dreeschern sich so sehr bemühte, zur Gruppe dazuzugehören. Wäre er nur in der Schule als „Dösbaddel“ mitgemobbt, auf der Halbinsel aber anerkannt worden, wäre er dort wahrscheinlich nicht so oft einsam herumgeirrt und hätte darum diese Kugeln nicht gefunden. Die Dinger warteten vielleicht immer noch darauf, entdeckt und sachgerecht behandelt zu werden. Rahmans Einsamkeit jedoch trieb ihn dazu, um jeden Preis Anschluss an die Gruppe der anderen Krössis zu suchen, ohne zu ahnen, dass eben diese Gruppe nichts als eine Notgemeinschaft zufällig an einem Fleck lebender Gemobbter war. Wären richtige Schulfreunde zusammengekommen, wäre die Gefahr vielleicht noch rechtzeitig gebannt worden.
Mag man es nun unglückliche Fügung oder Zufall nennen … weil genau die eben genannten Zutaten im Suppentopf der Geschichte landeten, wurde aus einem eigentlich unschuldigen Kinderspiel fast das Ende allen uns vertrauten Lebens auf der Erde und ich hätte – ebenfalls fast - keines der ehemaligen Krössi-Kinder je lebend getroffen.
Aber genug der Vorrede. Ich versuche einfach die GANZE Geschichte von Anfang an zu erzählen, also beginnend mit Rahmans verhängnisvoller Kinderei zu einer Zeit, als ich noch mit regelmäßig genommenen Antibabypillen zu verhindern gewesen wäre.
Rahman war ein Junge von fast 12 Jahren, der nach der Schule – wie ich schon erwähnte - einsam auf der Halbinsel Krösnitz herumstreifte. Unebenes Gelände war genau richtig für ihn. Es hieß, hier habe man zu frühen DDR-Zeiten den Bau eines Stadions begonnen und wegen des Grundwassers abgebrochen. Das Gelände erinnerte sich noch. Es bot Verstecke, wie Rahman sie liebte. Etwas flüsterte ihm zu, dort habe jemand einen Schatz verbuddelt. Rahman grub aber erst gezielt danach, nachdem er bei Bauarbeiten seiner Eltern die zweite seltsame Kugel gefunden hatte. Er hatte Glück. Die beiden ersten blieben nicht die einzigen. Insgesamt sieben anfangs mit Erde beschmierte Kugeln säuberte und versteckte er. Es war ihm wie ein Wunder vorgekommen: Er hatte GEWOLLT, dass das keine gewöhnlichen Kugeln wären, wie Erwachsene sie zum Boulespielen benutzten … da entdeckte er tatsächlich unbekannte Zeichen auf der Oberfläche.
Das war seine Chance: Bei der nächsten nachmittäglichen Gelegenheit wagte er, sich breitbeinig vor die anderen sechs Krösnitzer Kinder seines Alters hinzustellen und mit ernstem, beinahe feierlichem Gesicht zu verkünden: „Ich hab was Tolles auf unserer Baustelle gefunden. Wundersteine.“
Das erwies sich als kein guter Einstieg. Drei Jungen und drei Mädchen sahen einander ungläubig an. Waren wirklich sie angesprochen? Zwar wurden sie alle sieben in der Brechtschule auf dem Großen Dreesch regelmäßig verdroschen, aber Rahman war doch Pakistani, der war doch kein Krösnitzer! Der erlaubte sich ernsthaft, sie zu veräppeln? Wundersteine?! Was fiel dem eigentlich ein? Wofür hielt der sie? Für Kitakinder?!
„Wundersteine gibt's gar nicht!“ Jens reagierte als erster. Er tippte sich an die Stirn. Er machte auch den ersten Schritt auf den fremden Jungen zu. Die anderen bildete einen Halbkreis hinter ihrem Anführer.
„Du brauchst ja nicht mitzukommen“, fauchte Rahman zurück. „Aber wetten: Du hebst voll ab! Ganz starke Dinger, sag ich dir. Die musst du einfach erlebt haben. Ehrlich!“
„Du nervst, Junge. Zisch ab!“ Hagen musterte Rahman voll Verachtung. „Wenn du uns verarschst, kannst du nicht ohne Kissen aufm Stuhl sitzen. Sieben Wochen lang …“ Das klang fast wie ein Friedensangebot, dass sie die „Verarsche“ vergessen würden, nähme Rahman die „Wundersteine“ zurück. In der Schule standen sie ja zusammen gegen die Neubaukinder vom Dreesch.
„Auf einmal Arschvoll mehr oder weniger kommt's nicht mehr an. Krieg ich eh alle Tage“, antwortete Rahman, und wo er Recht hatte, hatte er Recht. „Ich beweise es euch. Kommt heute Abend um neun in mein Baumhaus. Ihr werdet staunen.“ Er sprach dabei immer schneller, denn die anderen Kinder kamen allmählich auf eine Weise näher, dass der Halbkreis zur Umkreisung zu werden drohte.
„So spät darfst du doch gar nicht mehr draußen sein, Großmaul!“ Jens grinste. Da hatte er gerade noch die Kurve bekommen. Beinahe hätte er eingestanden, dass er selbst um die Zeit nicht mehr „draußen sein“ durfte.
Genaugenommen fürchteten die sechs „eingeborenen“ Krössies, dass etwas an der Sache dran sein könnte, aber auf die Idee, Rahman sofort zu begleiten, kamen sie nicht. Schon wenige Minuten später spielten sie wieder zusammen - also Jungen und Mädchen getrennt - als hätte er sie nie unterbrochen.
Wie stolz Rahman war: endlich hatte er einen Weg gefunden richtig zur Krösnitzer Truppe dazuzugehören. War das kein Zeichen? Sie waren sieben Krössies und er hatte sieben Kugeln mit fremdartigen Schriftzeichen auf der Oberfläche gefunden …
Nach acht Uhr abends mussten alle zuhause sein. Aber kein echter Krössie ließ sich deshalb die Chance auf etwas Bestaunenswertes entgehen! Einer solchen Verlockung widerstand keiner. Ab 20.40 Uhr schlichen alle sechs Herausgeforderten zu dem auf Kate gestylten Neubau der Parchmanns, sorgfältig darauf bedacht, von niemandem gesehen zu werden, der diesen Ausflug nachher den Eltern hätte verraten können.
Es war sehr warm für Ende Oktober. Dafür war das letzte Dämmerlicht um diese Zeit fast völlig verschwunden. Nur gegen den Horizont waren die Silhouetten der Häuser noch zu erkennen. Der Abendwind trieb den fauligen Geruch alter Komposthaufen zum Anger. Irgendwo kläfften wütende Köter die um ihr Grundstück Herumschleichenden an. Immer wieder tauchte ein Schatten über den Bürgersteigen der Dorfstraße auf, zog sich am Straßenrand in übernatürliche Länge, verschwand im Dunkel, um von der nächsten Lampe her neu ins Riesenhafte gezerrt zu werden. Jens wagte nicht zu prüfen, ob sich da seinesgleichen oder Erwachsene seiner jeweiligen Deckung näherten. Er wartete lieber, bis niemand mehr auf dem Bürgersteig lief. Natürlich hätten auch alle anderen bestritten, dass sie eine Gänsehaut hatten, bevor es überhaupt losging.
Rahman erwartete sie an der Pforte zum Vorgarten. Er winkte kurz und eindringlich, drückte den rechten Zeigefinger auf den Mund und sah sich unsicher um. „Ist euch auch niemand gefolgt? Ihr habt doch keinem verraten, wo ihr hin seid? Das darf nicht rauskommen.“ Rahman spielte gern Superagent – und endlich mussten die anderen mitspielen!
„Spinner! Mach dir nich ins Hemd! Hokuspokus …“
Hagen schüttelte grinsend den Kopf.
Hinten im Garten, in einer unauffälligen Ecke des Grundstücks, stand Rahmans Hütte. Jens war verunsichert wie alle anderen. Auf Parchmanns Grundstück waren sie noch nie gewesen … und man konnte ja nicht wissen … „Der Alte ist Pakistani“, hatte Hagens Vater erklärt und es hatte geklungen wie „Die braten sich sonntags Kinderfleisch“. Da musste nichts dran sein, aber wenn doch …?
„Hier, nimm das!“ Rahman überreichte Jens eine Taschenlampe, deren Lichtstrahl er mit der rechten Hand etwas dämpfte, damit ihre Zusammenkunft vom Haus her unbemerkt blieb. Jens' Hand hielt die Lampe, als wäre sie eine Waffe.
Endlich hatten sich alle in das am Boden errichtete „Baumhaus“ gedrängt. Jens, als Anführer, setzte sich als Erster. Schließlich musste er zeigen, dass er keine Angst hatte. Petra, die Klügste in der Schule und auch sonst Ehrgeizigste der Gruppe, quetschte sich neben ihn und Sonja, die Möchtegernschlichterin. Dann kamen Hardy, der demonstrativ gähnte – ihn interessierten Ritter und alte Königreiche, also konnte er nichts Interessantes erwarten, und Hagen, der ebenfalls demonstrativ gelangweilt brummte „Na, da bin ich aber gespannt“, um sich Mut zu machen und den anderen zu zeigen, dass er welchen hatte. Als letztes nahm die kleine blonde Lisa Platz. Wie sehr hoffte sie, Rahman möge sie endlich zur Kenntnis nehmen! Alle hänselten sie, sie wäre in Rahman verknallt, aber der hatte bisher immer so getan, als merkte er das nicht. Diesmal kroch er hinter ihr her, in der Hand eine undurchsichtige Kugel. Er konnte sie mit seinen Händen etwa zur Hälfte umschließen. Sie hatte also ungefähr zehn Zentimeter Durchmesser. So schätzte Jens und war etwas enttäuscht. Das angekündigte Wunderding war absolut unscheinbar und grau, sofern die Farbe im Taschenlampenlicht überhaupt zu erkennen war. Nein, obwohl Rahman sie hochhielt, fiel keinem etwas Bemerkenswertes auf.
„Wunderkugeln sehen anders aus“, behauptete Hagen in einem Ton, als gehörten Wunderkugeln zu seinem Alltag. Er sprach damit aber nur laut aus, was alle dachten.
„Na, dann nimm sie mal!“, wandte sich Rahman an Lisa.
„Uff!“, rief das Mädchen überrascht, nachdem es die Kugel aufgefangen hatte. „Ist die leicht! Die brächt mir ne Eins im Kugelstoßen. Hohl?“
Rahman zuckte mit den Achseln und Lisa reichte die Kugel weiter. Alle wogen sie in den Händen, strichen über ihre Oberfläche und stimmten dem zierlichen blonden Mädchen zu.
Sonja sah sich suchend nach etwas um, wogegen sie die Kugel hätte schlagen können, fand aber nichts.
Hagen brummte unwillig. „Okay, und was ist so sonderbar an dem Ding? Dass es so federleicht ist? Wunder, komm raus, du bist umzingelt …“
Rahman verschwand kurz und kam mit fünf weiteren Kugeln zurück. „So … und jetzt?“
Lisa betastete eine zweite Kugel, warf sie leicht hoch, fing sie auf und meinte: „Sehr witzig: Ein Zwilling.“
„Und der Rest?“ Rahman wartete, bis Hagen als Letzter der Gruppe alle Kugeln miteinander verglichen hatte. Sie waren identisch. Dieselbe graue Farbe, die glatte Oberfläche und das geringe Gewicht – mehr ließ sich beim besten Willen nicht feststellen.
„Das werden wir gleich haben!“ Petra nahm Sonjas Kugel in die linke Hand und klopfte sie gegen ihre eigene. Ein dumpfer Ton, kein Nachhall. „Hm. Hohl klingt anders, glaub ich“, stellte Petra nachdenklich fest. „Was soll denn nun mit den Dingern sein?“
Bevor Rahman antworten konnte, schlugen auch die anderen ihre Kugeln aneinander. Immer derselbe dumpfe Ton. „Wenn ich's doch sage“, murrte Petra. „Warum glaubt ihr mir denn nicht?“ Dann mutmaßte sie: „Vielleicht ist was Flüssiges drin?“
„Erzähl das deiner Oma!“ Hardy tippte sich an die Stirn.
„Es sind ganz feine Schriftzeichen drauf. Sieht man aber nur bei starkem Seitenlicht und mit Lupe, Taschenlampe reicht nicht“, behauptete Rahman. Trotzdem versuchten die anderen Kinder, die Zeichen zu finden. Natürlich vergeblich. Obwohl auch er nichts erkennen konnte, murmelte Hardy, dass das „sumerische Runen“ sein könnten, aber auch altägyptische Hieroglyphen. Was der alles zu wissen glaubte …
Unbemerkt war Rahman noch einmal nach draußen gegangen. Als er wieder in der Tür auftauchte, mühte er sich vorwärts wie ein alter Mann, dem seine Last den Rücken krümmte. Hardy und Hagen lachten. Es sah einfach zu komisch aus. Rahman presste sein neues Wunderding mit beiden Händen fest an die Brust. Trotzdem konnte er die wie die vorigen aussehende Kugel kaum halten. Endlich ließ er sie fallen und sie schlug mit dumpfem Wumms vor seinen Fußspitzen auf den Boden.
„Sehr witzig! Super schwer …“ Hagen lachte und griff lässig mit der Linken nach der Kugel. Pech für ihn. Nicht nur, dass er jene am Boden kaum bewegte, Hagen fiel auch noch seine eigene herunter. Sie rollte auf die schwere zu und blieb an ihr haften. „Und jetzt lasst die anderen auch los!“, forderte Rahman.
Kaum am Boden, rollten die übrigen Kugeln zu der schweren hin und hafteten fest an ihr. Eine Art Atommodell war entstanden.
„Haha, Wunderkugeln … Gewöhnliche Magnete!“ Enttäuscht zog Petra die Schultern hoch.
Es ging eine Weile hin und her, was es mit den Kugeln auf sich hätte, woher sie kommen könnten und wozu sie gut wären.
Lisa beteiligte sich nicht. Sie guckte nur verträumt auf den Jungen, dessen Gesichtszüge vom Schatten des blauschwarzen Haares verdeckt wurden. Alle anderen überboten sich mit Vermutungen.
„Ist doch klar. Die lagen schon lange dort. Vielleicht Kanonenkugeln aus Wallensteins Zeiten. Die Größe stimmt.“ Hardy sprang auf. Fast wäre er mit dem Kopf an die Decke der Hütte gestoßen. Petra rief: „Aber das Gewicht nicht.“ Die anderen lachten wegen Hardys Verrenkungen.
„Du immer mit deinem Wallenstein! Wallenstein, der Sumerer oder der Ägypter?“ Hagen winkte stöhnend ab. „Spinner, du nervst!“
„Klar: Wallensteins Astrologe hat sie hohl gezaubert. Damit sie extra weit fliegen. Warte, ich hab einen besseren Vorschlag: Die gehörten Münchhausen. Der ist drauf geritten.“ Jens packte eine der Kugeln und hielt sie sich unter den Hintern. Dazu machte er ein Geräusch, als pfiffe eine Kanonenkugel durch die Luft. Alle prusteten los und hielten sich die Bäuche, bis Petra behauptete: „Nein. Die kommen aus dem Weltall!“
Sofort verstummten die anderen. Zugestimmt hätte zwar keiner – außerirdische Kugeln, das war natürlich genauso Quatsch wie Sumerer in Mecklenburg, da wäre selbst Wallenstein schon glaubhafter – aber faszinierend fanden sie den Gedanken schon.
Rahman hörte auf, auf seinem Platz hin und her zu rutschen. Er stand auf. „Es sind genau sieben – so wie wir“, sagte er mit betont feierlicher Stimme. „Jeder von uns könnte also eine behalten. Wenn ihr schweigen könnt. Dass mir niemand was davon erzählt! Vor allem keinem Erwachsenen. Dann wären wir sie wieder los und sie landen neben einer alten Kanone im Museum. Bestimmt.“
Das leuchtete ein. Alle nickten schweigend. Rahman verteilte die Kugeln wie Orden an Helden einer Schlacht. Die leichten zuerst. Lisa gab er zum Schluss die schwere. Er versicherte ihr, dass er sie ihr nach Hause tragen würde. Lisa lächelte glücklich. Für sie war das der entscheidende Augenblick! Endlich war es raus: Rahman mochte sie.
„So, und jetzt muss jeder schwören“, fuhr Rahman fort. „Sprecht mir nach: Wir wollen die Kugeln fürs ganze Leben sicher verwahren und keinem davon erzählen. Von nun an treffen wir uns hier in jedem Jahr am selben Tag. Diese Kugeln sollen das Zeichen sein für unseren Bund fürs Leben.“
Satz für Satz sprachen sie Rahman nach. War das feierlich! Wenn der Junge aus Bangladesh in diesem Moment von jedem einen Blutstropfen verlangt hätte – er hätte ihn bekommen. Selbst Hagen riss sich zusammen. Plötzlich verband sie alle ein durch unheimliche Kugeln, vielleicht sogar außerirdische, besiegelter Bund. Nur Lisa fiel ein, dass „Bund fürs Leben“ ein anderer Ausdruck für Ehe war. Sie waren also nun alle miteinander verheiratet, aber sie sprach es nicht aus. Jens las ihr Glück in ihren Augen.
Alle schwiegen einen Moment lang, blieben aber nicht mehr lange in der Hütte versammelt. Jeder nahm seine Kugel und ging.
Ja, so pathetisch hatte es begonnen. Schon vor Ablauf des folgenden Jahres aber zog Lisas Mutter zu ihrem neuen Lebenspartner nach Berlin. Die heimlich verliebte Zwölfjährige nahm ihre Kugel natürlich mit. Bei Jens landete die seine in einer alten Spielkiste. So überstand sie seinen weiteren Weg bis zum Kommissar mit Familienheim im Brandenburger Land. Und die anderen? Bald dachten sie nur noch selten an ihren „Bund fürs Leben“. Und wenn … War die damalige Szene, diese Begeisterung nicht peinlich komisch? Hatte es nicht genügt, dass sie ständig wegen ihrer Herkunft verprügelt worden waren?! Scheiß Kindheit!
Spätestens mit dreizehn fühlten sie sich zu erwachsen für solche Spiele. Im Jahr nach dem „Baumhausbund“ trafen sie sich wirklich noch und Lisa schrieb Rahman allabendlich eine schmachtende Mail. Später dann ungefähr wöchentlich … dann noch monatlich, denn in ihre neue Klasse ging ein Junge, der ungeheure Ähnlichkeit mit Porty hatte. Ohne ein Porty-Poster kam kein Mädchenzimmer aus und dieser Junge hatte ihre Hand viel länger gehalten als für einen ersten Gruß nötig. So war eine Mail an Rahman, um den Termin ihres nächsten Treffens zu verabreden, ihre letzte.
Die anderen älter gewordenen „Krössies“ wurden nicht mehr verprügelt. Nun zeigte sich, dass es allein das war, was sie miteinander verbunden hatte, um nicht zu sagen aneinander gekettet.
Die Kugeln?! Naja, die Jungen versuchten noch ein paar Mal, dem Geheimnis ihrer „außerirdischen“ Schätze auf den Grund zu gehen. Wunder gab es ja nicht. Noch mit 14 versuchten Hardy und Hagen, die mühsam zu erkennenden Zeichen als Geheimschrift zu entschlüsseln. An diesen Versuchen waren die Mädchen nicht mehr beteiligt und sie endeten erfolglos. Die Kugeln schienen sich zu nichts mehr zu eignen als zum Symbol einer endlich abgeschlossenen Kinderzeit.
Wer höbe schon solche Kindereien auf, noch dazu, wo man den Kugeln vieles nachsagen konnte, aber nicht, dass sie ansehnlich gewesen wären oder aus irgendeinem anderen offensichtlichen Grund wert, an die nächste Generation vererbt zu werden?
Jens war da eine Ausnahme. Er hatte eine richtig kitschige Anhänglichkeit entwickelt, alles Mögliche aufzuheben. Vielleicht hatte er schon mit Beginn seines Kriminalistikstudiums die Vorstellung, später einmal den eigenen Kindern zu erzählen, wie mutig er als Junge seine Krössis in eigentlich aussichtslose Kämpfe gegen eine Übermacht an Dreescher Neubauschulkindern geführt hatte und sie zu belehren: „Ihr müsst kämpfen und Niederlagen verarbeiten: hundertmal. Glaubt mir, es kommt immer ein einhunderterstes Mal, an dem ihr gewinnt. Auf das kommt es an. Danach habt ihr Ruhe.“ Ich glaube, wie sehr er sich geärgert hatte, zu den Losern gehört zu haben, hatte er längst vergessen.
Das Schicksal schien es nach dem Kinderschwur gut mit ihm zu meinen. Das Mobbing hörte auf, Jens bekam den Studienplatz seiner Träume und einen Arbeitsplatz in Berlin, gerade noch nahe genug zu seinem günstig erworbenen Häuschen im Brandenburgischen, er fand eine Frau, die ihn annahm, wie er war, und sie bekamen Zwillingstöchter, die er mit weisen Sprüchen, wie sie mit Verprügeltwerden umzugehen hatten, glücklicherweise verschonte, denn sie wurden nicht verprügelt – lauter Punkte, die geeignet waren, die eigenen Familienverhältnisse perfekt zu finden.
Seine Kugel und all das andere Spielzeug, das er auf dem elterlichen Dachboden gehortet hatte, bekam einen Platz im Keller des neuen Familienheims. Das meiste, womit Jens einst gespielt hatte, kam nicht in die engere Auswahl von Sinas und Leos Lieblingsbeschäftigungen. Aber das Haus der Marders war groß genug, um bei Bedarf noch viele solcher Kisten irgendwo unterzubringen. Jens dachte schon an seine Rolle als Großvater. Hätte jemand Jens erklärt, dass seine Familie bereits das Mal von Außerirdischen trug, er hätte wohl schallend gelacht. Schuld daran war, dass die Kugelbesitzer, wenn sie denn überhaupt noch welche waren, keinen Kontakt mehr miteinander hatten. Selbst ein Klassentreffen nach zehn Jahren Schulabschluss fand nicht statt – oder wenn, dann hatten alle Kugel-Krössies keine Einladung erhalten oder wenn doch, hatten sie sie alle einfach in den Müll geworfen …
2
Jens wurde wie gesagt Kriminalist. An einem Montag hatte er seinem Revier wieder ein seine Welt umwälzendes Gesprächsthema aufgedrängt: Die Feier zum neunten Geburtstag seiner Zwillingsmädchen Sina und Leonie sei ein echter Hit gewesen. Den halben Keller habe er ausgeräumt, um verrücktes Spielzeug aus seiner eigenen Kindheit hervorzuholen, und die Mädchen hatten in der Gartenwildnis Indianer gespielt. Indianer?! Ja, seine Mädchen spielten das! „Nix mit Schminken … Na gut, wenn man so will: Wir haben richtig Kriegsbemalung angelegt.“
Michelmann und die anderen gaben sich Zeichen – Jens Marder mit Kriegsbemalung - verdrehten die Augen, glaubten, dass ihr Jens das nicht merkte.
Den halben Vormittag berichtete er über den Erfolg der Gartenparty, während Janine, seine Frau, zuhause mit Aufräumen beschäftigt war. Sie warf zwar nichts weg, aber es landete eben auch nicht alles am alten Platz. Sie ahnte nicht, was sie dadurch anrichtete …
Talking Skin
(Mit sprechender Haut)
Leseprobe
Kapitel 1
Gila Ross
Bin ich verrückt, von allen guten Geistern verlassen, wie man so schön sagt? Aber sie waren doch da! Ich habe sie wirklich gesehen – und sie kommen gleich wieder! Monsteraugen, unmenschliche Augen … nichts als allgegenwärtige Augen. Eine sich mir nähernde Wand voller riesiger, miteinander verschmelzender wimpernloser Glotzer. Sie sind auch noch da, wenn sie nicht da sind. Ich weiß es, brauche nicht einmal meine Wimpern zu heben. Nichts schützt vor dem Gefühl, in einem über mir zusammenschlagenden Strudel vorstehender Augen zu versinken. Auch dass ich die Lider geschlossen halte, hilft wenig. Im Gegenteil. Dann brennt Wasser und darin schmoren die Augäpfel … Ich will das nicht mehr sehen!
Angefangen hat alles wohl mit den vor Schreck verzerrten Gesichtern meiner Kameraden im Raumschiff, als uns plötzlich etwas weg von unserer Bahn saugte. Es muss eine Katastrophe gegeben haben. Aber an die kann ich mich nicht erinnern: Filmriss. Nein, ich glaube, da war nie ein zusammenhängender Film. Nur lose aufblinkende Bilder des Erschreckens. Hilflos hoch drei. Kein Verstehen. Dann ein Schmerz – zu intensiv für mein Bewusstsein. Es schaltet ab. Sturz in bodenlose Schwärze. Kurzes Aufflackern. Ist der Tod so - ein Eintauchen in waberndes Nichts? Keine Zeit, nie mehr … Eigentlich gar nicht so schlimm, tot zu sein, fast so ähnlich wie zu leben, nur ohne Schmerzen …
Dann aber kommt die Verwirrung. Kann es sein, dass ich lebe? Muss ich nicht leben, wenn ich denke, dass ich lebe?
Ich atme ich tief durch, die Lider noch geschlossen. Wie schön: Da ist kein Schmerz! Es muss also alles gut gegangen sein und die Raumschiffskatastrophe habe ich mir nur eingebildet. Oder doch nicht? Aber sollte ich tatsächlich eine überlebt haben, hätte man mich ja wohl zur Mumie verpackt in ein Krankenhausbett verfrachtet, voller Zugänge mit schmerzstillenden Mitteln, Transfusionen und der begründeten Angst, dass ich nie mehr auf eigenen Beinen in irgendein Raumschiff würde steigen können. Es fühlt es sich aber gar nicht so an. Oder bin ich … bei Gott?! Nein. Dann lieber im Krankenhaus. Aber es riecht anders. Richtig glücklich, dass mir der typische Krankenhausgeruch erspart bleibt, bade ich im Gefühl, gerettet zu sein. Meine Retter halten einen Krankenhausaufenthalt also nicht für erforderlich. Die werden schon wissen, was gut für mich ist und was nicht … Ich öffne meine Augen, gespannt auf alles, was mich erwartet, und sehe … eben jene untertassengroßen Glubscher sich nähern und von mir Maß nehmen …
Ich schreie auf. Erschrecke vor meiner eigenen entsetzten Stimme. In mir nur dieser eine Gedanke: „Die gibt es nicht, nein … Die sollen weg!“ Mit beiden Armen schlage ich nach dem Phantombild. Was ich mir da einbilde! Aber schon erkenne ich noch mehr Hässliches: Diese Augen stecken in Hügeln grauer, narbiger Haut. Da juckt die meine plötzlich, als wüchsen mir Warzen. Ich will mich wehren, schlage um mich. Treffe dieses Etwas. Vielleicht die Monsterglotzer selbst, vielleicht das Drumherum, was weiß ich. Ich sehe nur, dass aus den Seiten dieses Geäugs Schlangen hervorschießen, die gegen meinen Körper drängen. Nein, keine Schlangen: unzählige, meinen Ekel erregende Krakenarme voller Saugnäpfe. Viele, von überall her kommende. Ich brülle, was meine Lunge hergibt, und winde mich, um dem Angriff zu entgehen. Doch vor meinem ersten klaren Gedanken haben mir die Tiefseemutanten längst Arme und Beine gefesselt und ich atme einen fremdartigen Blütenduft ein. Von diesem Augenblick an schwebe ich. Eine Stimme in mir fragt „Wirklich Tiefseemutanten?“ Dann weiß ich nicht weiter. Ich schlafe nicht, aber wach bin ich erst recht nicht. Denken möchte ich, mich überzeugen, dass ich in einem Albtraum feststecke, aus dem ich nur aufzuwachen brauche. Aber warum durchnebeln dann immer wieder krakenförmige Gestalten meinen Raum ohne Anfang und Ende? Sie drehen etwas an dünnen Schläuchen herum, die von verschiedenen Stellen meines wehrlosen Körpers ins Nichts führen, gehen wieder, kommen zurück, drehen wieder und gehen wieder. Ich will nicht hinsehen. Sobald meine Augen zu arbeiten beginnen, begegnen sie denen vom Anfang. Immer wieder und wieder. Der Albtraum ist also noch nicht zu Ende. So etwas gibt es nicht! Ich will nicht weiter schlafen! Ich will nichts weiter als schlafen! Gebt mich frei! Monster gibt es nur in der Fantasie schlechter Science-Fiction. Habe ich so etwas vor kurzem gelesen?
Ela Lasen
Der Rücken juckt. Es krabbelt und sticht auf der Haut herum, als läge ich in einem Ameisenhaufen und Kolonnen fleißiger Kleinlinge versuchten mich für ihren Nachwuchs im Bau in handliche Stücke zu zerlegen. Meine Kleidung ist zerfetzt.
Allmählich kommen meine Sinne wieder. Da war was. Nur was? Ein Schlag auf den Kopf, ein Unfall, ein Sturz? Es fällt mir nicht ein. Meine Erinnerung ist wie ein virtueller Papierkorb nach dem Löschbefehl. Warum liege ich eigentlich in einem rückenfreien Anzug im Schilf? Muss ich das verstehen?
Schilf kann es wohl nicht sein. Diese ins Fleisch schneidenden Pflanzen sind etwas Anderes, etwas Fremdes. Zumindest gibt es keine arbeitseifrigen Ameisen, deren Mandibeln sich über meine Haut hermachen könnten. Schlaf wäre gut … Schnell wieder einschlafen und neu aufwachen. Das hilft bestimmt! Das ist wie einen festgefahrenen Computer neu zu starten.
Gelandet … Gedächtnis … Nicht gelöscht ein Bild: Ich in einem Raumschiff. Brücke - ein vertrautes Wort. Ich halte es fest, höre einen Ruf: „Ela! Ela?“ Das bin ich! Ela Lasen. Es ist aber niemand in meiner Nähe, der gerufen haben könnte. Alles wird wieder dunkel … Schlaf streichelt mich. Ich gebe mich ihm hin, aber nur wenige Minuten später zwinge ich mich: Ela, Augen auf! Sieh dich um!
Stöhnend richte ich mich auf. In einer halb sitzenden Position lasse ich meine Blicke schweifen.
Die angeblichen Schilfstängel, die mich umgeben, wachsen dicht an dicht, bedecken den fremden Boden wie ein wertvoller handgewebter Teppich. Sie sind allerdings mehr als einen halben Meter hoch. Ich brauche nur einen Trieb anzutippen, schon schießt er Unmengen winziger Pfeile auf mich ab. Samen. Der Rest meines Anzugs ist sofort milchig grün. Aber auch die Haut haben die Pfeile getroffen. Bin ich denn zum Nadelkissen für Samenpfeile mutiert? Oder soll dieses außerirdische Schilfzeug in meinen Poren keimen? Es juckt jetzt nicht mehr nur am Rücken, sondern auch an den Händen, am Hals und im Gesicht. Eigentlich juckt es nicht nur. Es ist, als brenne meine ungeschützte Haut.
Vorsichtig lasse ich mich wieder zurückfallen. Immerhin habe ich etwas gesehen. Ich liege in der Mitte einer Lichtung. Ganz allein. Über mir steht eine Sonne im Zenit. Eine komische Sonne! Der schwache Violett-Ton ihrer brennend heißen Strahlen verwandelt die Landschaft. Ich weiß nicht in was, aber ich finde das Bild beunruhigend unwirklich. Fremd …
Ich rufe mich zur Ordnung: Sieh nicht nach oben! Ein neuer Erinnerungsfetzen meldet: Ich müsste einen Schutzanzug tragen. Der ist Pflicht! Keiner darf ohne nach draußen. Keime, Strahlung … Eine freundliche innere Stimme erklärt mir, ich sei doch sonst pflichtbewusst und gründlich. Wir wollten … fremde Erde … Ich fühle mich schwach und möchte mich der Schwäche hingeben. Trotzdem sind da schlaffeindliche Gedanken: Es muss etwas passiert sein, dass ich nicht mehr dazu gekommen bin, mich vorschriftsmäßig für einen Außeneinsatz anzuziehen. Wahrscheinlich hat dieses Etwas auch mein Gedächtnis blockiert.
Egal! Hier kann ich nicht bleiben, das wird mir immer klarer. Die Sonnenstrahlen verstärken das Jucken auf der Haut. Mühsam setze ich mich ein zweites Mal auf und suche mit den Augen die Umgebung ab. Am Rand der Lichtung stehen Bäume, deren Medusakopfkronen ein verschlungenes Gewirr bilden, so dass ich nicht erkennen kann, wo der eine aufhört und der andere anfängt. Als ob sie sich hoch oben aneinander festhielten. Eigentlich romantisch: Bäume, die ihre Nachbarn umarmen. Unten allerdings sind nur nackte Stämme zu sehen, ähnlich wie bei durch Menschen angepflanzten Pappeln, nur eben mit knutschenden Ästen. Die haben sich lieb. Ich lächle. Ist doch eine schöne Vorstellung. Dann ein ernsthafter Gedanke: Dieses Kronengewirr wäre ein natürlicher Strahlenschutz für mich! Das denken und losgehen ist eins. Wer weiß, wie diese Sonne die unbedeckte menschliche Haut schädigt …
Nach der Hälfte des Weges schützt auch die Hose nicht mehr und meine Beine behaupten, mich hätten mehr als 20 Wespen gestochen. Es hilft nichts. Da muss ich durch.
Der Waldrand! Schatten! Endlich!
Und jetzt? Kann ich meinen Wahrnehmungen trauen oder träume ich im Fieberwahn? Die Stirn ist jedenfalls heiß, mir ist schummerig und ich fühle mich schwach. Kein Wunder bei dieser Hitze …
Auf einmal ist das Wort Notfallset da. Ich weiß plötzlich, dass jeder eines bei sich tragen sollte. Ich müsste noch mehr über die Zeit vor meinem ersten Erwachen auf der Lichtung wissen, aber irgendetwas blockiert den Versuch, mich genauer zu erinnern. Beim Aufwachen auf dieser Lichtung hatte ich jedenfalls kein Notfallset bei mir. Aber muss ich das nicht immer? Vielleicht habe ich es nur nicht gesehen? Nein, ich gehe nicht noch einmal in die Sonnenbestrahlung.
Ich schnuppere. Wie das duftet! Nach Wald und fruchtbarer Erde und ein paar Blüten, die ich noch nie erschnuppert habe. Ein erster positiver Eindruck, so positiv, dass ich tief einatme. Das hätte ich wohl nicht tun sollen! Mich packt bleierne Müdigkeit …
Zugleich ein warnender Gedanke: Ich muss unbedingt wach bleiben. Zwar habe ich noch kein einziges Tier gesehen, aber das will nichts heißen. Welches Lebewesen verirrte sich bei dieser brütenden Mittagshitze auch auf eine ungeschützte Lichtung? Viel wahrscheinlicher machte die einheimische Löwenfamilie um die Zeit ihre Siesta. Die Tiere hier kennen das Teufelsgras natürlich und meiden es. Oder stehe ich längst auf dem Abendspeiseplan eines mich beobachtender Säbelzahntigers? Der wartet in Ruhe ab. Ich bemerkte ihn wahrscheinlich nicht einmal. Er brauchte sich gar nicht zu verstecken.
Warum bin ich mir nur so sicher, dass es in dieser fremden Welt Raubtiere gibt, die an irdische erinnern? Löwen, Säbelzahntiger … Humanoiden? Ich war doch noch nie hier.
Ich werde mir jetzt die Bäume genauer ansehen. Nein, nicht jetzt … morgen … Morgen ganz bestimmt. Jetzt muss ich nur noch eines: schlafen.
Ich lege mich auf etwas Moosartiges, rolle mich zusammen. Helligkeit, Knacken und Rascheln, Zirpen und Schreie halten mich eine Weile in der Schwebe zwischen Schlafen und Wachen. Der Schlaf gewinnt.
Bilder, zwischendurch
„Commander … der Kurs ist nicht zu halten. Wir driften …“
„Piet, Erklärung? Gravitation?“
„Nein, nichts, was uns anziehen könnte.“
„Eine nicht natürliche Quelle?“
„Keine Daten!“
„Du musst gegensteuern!“
„Was meinst du, was ich die ganze Zeit mache? Trotzdem … Wir werden immer schneller! Unsere Leistung reicht nicht … oder die Messgeräte spinnen.“
Fünf Gesichter. Coles, beherrscht, kiloweise erstarrte Todesverachtung. Gilas, voll nacktem Entsetzen. Jennies, die Augen geschlossen. Piets, mit Blick auf Jennies: Nun sag doch was! Mein eigenes, das sich in der Monitorwand spiegelt. Blitze. Wahnsinniger Druck. Schwere. Es geht alles so unbegreiflich schnell.
„Ein Notsignal! Unsere Position. Wenigstens als Warnung für Andere.“
„Keine Koordinaten!“
„Gila, dann nimm die letzten, die …“
Gilas Kreischen. Die Schwere hat gesiegt. Mehr als zehn G. Der Tod. Ich kann meinen Kopf nicht mehr bewegen. Nichts mehr. Alles wird schwarz. Für einen Moment nur der Gedanke: Umsonst …
Ela
Ich schrecke auf. Tot? Bin ich …?
Nein, tot bin ich nicht. Das eben war eher eine Albtraumvision, aber ich weiß, dass sie reale Erinnerungen verarbeitet. Die aber sind voll Lücken und verschwommen.
Vorbei. Schweißtropfen bedecken mich, als hätte ich mich gerade panisch schnell bewegt. Gegen die reale Erinnerung spricht, dass ich dann eigentlich tot sein müsste … ich lebe aber!
Zwischen diesen Bildern und dem Jetzt muss etwas Rettendes geschehen sein.
Zumindest weiß ich wieder, dass ich Teil einer Raumschiffscrew bin. Wir waren fünf aus der Anabiose Erwachte auf der Suche nach extraterrestrischem Leben. Wo sind die anderen vier? Von dem Moment an, als diese ungeheure Kraft uns in die Sessel gepresst hat, muss ich ohne Bewusstsein gewesen sein. Gestern auf der Lichtung … da gab es keine Trümmerspuren. Das heißt, wenn wir wirklich abgestürzt sind, dann nicht dort. Jemand muss mich aus dem Raumschiff auf diese Lichtung getragen haben. Aber warum? Oder hat uns die Rettungsautomatik rausgeschleudert? Möglicherweise auch die Anderen? Dagegen spricht, dass ich einen Fallschirm gebraucht hätte, um nicht zermatscht zu werden.
Also andere Retter von hier?! Sind wir nicht allein auf diesem Planeten? Aber warum zeigen die sich nicht? Oder haben sie Cole und die anderen schon verspeist und mit mir erlauben sie sich ein letztes Katz-und-Maus-Spiel? Ich bin aber keine Maus!
Oder was haben sie mit der verschwundenen Crew gemacht? Warum bin ich jetzt allein?
Vorsichtig richte ich mich auf. Ein feiner milchiger Nebel hüllt mich ein. Ich friere. Der halb zerfetzte Arbeitsanzug schützt kaum vor der Nachtkälte. Außerdem … Jemand beobachtet mich. Da ist …
Nein, es ist nichts. Es ist das reglose Grinsen eines so gar nicht wärmenden Mondes. Wie zu Hause. Allerdings … zwei Schatten …
Ich drehe mich langsam um. Ja, tatsächlich: Auf der anderen Himmelsseite leuchtet ein zweiter Mond.
Ganz in der Nähe knackt es am Waldboden. Wäre es nicht besser, auf einen Baum zu klettern? Gegen die Raubtiere wäre ich auf einem der Äste sicherer. Wirklich?! Und dort oben soll ich weiterschlafen? Quatsch! Auf dem Baum käme ich nicht zur Ruhe. Dafür hätte ich am nächsten Tag zu allem Übel noch Kreuzschmerzen. Also was? Für ein Überleben in unbekanntem Dschungel bin ich nicht ausgebildet. Meine Aufgabe bei der Erkundung ist das Knüpfen von Kontakten mit fremden Zivilisationen!
Ela? Ela, hab keine Angst! Bleib, wo du bist, wir bringen alles wieder in Ordnung.
Was war denn das? Ich weiß ganz genau, das war nicht mein Gedanke. Gerufen hat mich aber auch niemand. Nichts Menschengemachtes inmitten der Geräusche des fremden Urwalds. Die Worte aber … die waren einfach in mir wie frisch gehört. Ich schüttele den Kopf, fühle mich an einen Zustand erinnert, wie ich ihn als Kind oft empfunden habe: Die Augen geschlossen, noch nicht schlafend, aber schon nicht mehr munter. Das beruhigende Gemurmel meines Vaters im Hintergrund. Wirklich und unwirklich zugleich.
Ich habe aber nicht geträumt, das weiß ich. Eigentlich müsste mich dieses Unheimliche, dieses Unerklärliche, dieser Spuk ängstigen, tatsächlich aber beruhigt mich das Wir-bringen-alles-wieder-in-Ordnung-Versprechen, auch wenn es wohl nur mein Wort gewordener Wunsch ist. Wieder nehme ich diesen bezaubernden Blütenduft wahr. Die Müdigkeit kommt zurück. Als hätte mir jemand ein Kissen untergeschoben und eine Decke über mich gebreitet, rolle ich mich einfach wieder auf dem moosigen Boden zum Schlafen zusammen. Schrecke noch einmal hoch: Da! Sind da nicht leuchtende, überdimensional große Augen in einem abgeplatteten haarlosen Monsterkopf?
Schon gut: Wir passen auf!
Wieder tonlos. Wieder der Spuk. Ich muss lächeln über mich. Bis vor kurzem eine moderne Astronautin, jetzt ein kleines Mädchen, zu dem die Eltern ans Bett kommen müssen, damit es behütet einschlafen kann. Aber irgendwie kommen sie und ich schlafe ein.
Hab ich lange geschlafen? Die Sonne steht hoch am Himmel. Also muss ich mehr als eine hiesige Nacht in Morpheus Armen gelegen haben. Immer besser als in Säbelzahntigers Pranken. Ich fühle mich völlig entspannt. Allerdings … Wann habe ich das letzte Mal auf die Uhr gesehen? Ich kann lange geschlafen haben, ohne es überprüfen zu können. Die Umdrehungszeit des Planeten ist sicher eine andere als die der Erde. Unser Discover ist ja zu keinerlei Untersuchungen gekommen. Wie auch immer: Ich fühle mich frisch. Die unbequeme Schlafposition ist ohne schmerzhafte Nachwirkungen geblieben. Spricht das für langen oder kurzen Schlaf?
Auf geht's! Der neue Tag hat begonnen. Jetzt wird's ernst. Ich finde schon heraus, was los ist – mit mir, mit den Kameraden und mit diesem Planeten.
Ich springe auf, klopfe mir ein paar Pflanzenteile vom Anzug, sehe an mir herunter und stutze. Das gibt es doch gar nicht! Habe ich gestern fantasiert? Mich haben nicht nur keine fremden Skorpione gestochen oder Blutsauger gebissen, nein, die am Vortag so gepeinigte Haut ist restlos glatt. Habe ich mir den Marsch durch das schilfartige Nesselgräserfeld etwa nur eingebildet?
Ich mustere meine Unterschenkel genauer, denn mir fällt ein farbloser Ölfilm auf der Haut auf. „Merkwürdig …“ Sofort schüttele ich den Kopf. Lache unsicher. Noch keinen Tag allein, und schon führe ich Selbstgespräche, das kann ja was werden. Dabei ist dieser Ölfilm auf der Haut viel mehr verunsichernd merkwürdig. Die idiotischste Auflösung verwerfe ich sofort wieder: Es könnte ein ganzes Volk heimischer Schnecken über mir herumgeschleimt sein. Dann wäre ich aber bestimmt wach geworden. Trotzdem eklig.
Ich sehe mich um. Nanu? Unmittelbar neben mir führt ein über einen Meter breiter, festgestampfter Weg in den Wald. Den hat es doch gestern noch nicht gegeben …?
Nein, ganz sicher: Am vorigen Abend war hier nur Wald und … der Weg endet an meinem Schlafplatz. Genauer: Dort verbreitert er sich ein wenig, um, na eben … um bei mir aufzuhören.
„Ganz ruhig, Ela, ganz ruhig!“
Ich betaste mich aufmerksam, fühle an der Stirn, suche nach Gedanken, die neu oder in irgendeiner Weise merkwürdig sind. Mir fällt nichts auf. Ich komme mir weder verrückt noch anderweitig krank vor. Eigentlich sollte solch ein nüchterner Selbstcheck allein schon die eigene Zurechnungsfähigkeit belegen. Also bin ich gestern zufällig auf diesen Punkt gestoßen, ohne den Weg zu bemerken? Kann das sein?
Ausgeschlossen! Trotz aller Schwäche habe ich intensiv nach Wegen durch das Dickicht gesucht und da waren keine. Unmittelbar über dem Boden nur undurchdringlich dichtes Buschwerk. Darüber hatte ich mich noch gewundert, weil ich im Schatten der hiesigen Baumverkronung weniger Pflanzen erwartet hatte. Theoretisch weiß ich, dass sich auch auf der Erde Pflanzen an eine lichtarme Umgebung gewöhnt haben, aber einen echten Urwald habe ich eben in Natura noch nicht erlebt. Hier irritiert mich seine fremde Fülle, wenn mir auch am Vortag etwas weiter im Inneren des Waldes das Unterholz nicht mehr ganz so dicht vorgekommen ist. Aber ein begehbarer Pfad? Mitnichten! Jetzt aber ist er da. Als ob in der Nacht jemand oder etwas an meinen Schlafplatz gekommen wäre, heimlich, bewusst unauffällig … um meine Haut zu behandeln!
„… und ich habe nichts bemerkt!“
Ich höre meine Stimme. Sie klingt wie die einer sich Ängstigenden in einem schlechten Horrorfilm. Kalter Schweiß steht auf meiner Stirn. Nein! Weder kann noch will ich das glauben, was hier passiert sein müsste. Aber das Ergebnis lässt sich nicht wegreden. Immerhin meinen es die unbekannten Wesen wohl gut mit mir. Nur warum lassen sie sich dann nicht blicken?
Ich muss lächeln. Eine etwas märchenhafte Antwort gäbe es schon: Diese Wesen halten sich für so hässlich, dass sie sich nicht zu zeigen wagen. Haben sie Grund dazu? Vor allem fiele mir dann die Rolle der Schönen zu! Die hat mir bisher niemand zugebilligt. Ich sehe ausgesprochen unscheinbar aus. „Zierlich, nicht zu dünn und nicht zu dick; manchmal lächeln dich graublaue Augen an“ – so hatte ich mich vor der Aufnahme in das Raumforschungszentrum in einer erfolglos gebliebenen Kontaktanzeige selbst beschrieben. Was wäre wohl aus mir geworden, wäre die erfolgreich gewesen? Mutter zweier Bilderbuch-Kinder, Kommunikationstheoretikerin oder was ganz Anderes? Zumindest wäre ich jetzt nicht hier … wo auch immer „hier“ sein mag.
Wo stecken jetzt die Biester oder, um das Märchen richtig weiterzuspinnen, „das Biest“? Der Weg fordert mich regelrecht zum Losgehen auf. Was bleibt mir übrig? Die Aussicht auf einen Schluck zu trinken und ein anständiges Frühstück lockt. Früher oder später werde ich essen und trinken müssen und Proviant habe ich keinen. Der Weg führt bestimmt zu meinem heimlichen Beschützer. Außerdem – wohin sollte ich sonst?
Ich stapfe los. Unsicher mustere ich die Umgebung. Vielleicht werde ich belauert? Ela, denk positiv! Achte lieber auf den Weg! Auf diesen schlangenförmigen nackten Ast zum Beispiel. Irgendwie hängt der verdächtig einsam herunter. Instinktiv bleibe ich stehen.
Am Wegrand findest du verschieden große Wanderstöcke.
Kaum sind diese Worte in mir, da beuge ich mich hinunter. Und wirklich: Ein zweigloser Ast wartet regelrecht darauf, von mir gefunden zu werden. Als ich ihn aufstelle, überragt er mich ein Stück. Ein Kitsch-Gemälde: Hirte auf einer Bergwiese mit Riesenstock. Na gut: eine Hirtin.
Mit dem Stab tippe ich spielerisch den merkwürdigen Ast an. Plötzlich vollführt der blitzschnelle Wellenbewegungen, schlägt eine Acht, zieht sich zusammen, zermalmt den Knüppel und verschwindet im Blätterwerk.
Stille.
Ich rühre mich nicht. Auch um mich herum rührt sich nichts. Kein Geräusch. Nichts. Als wäre nichts gewesen. Jede Pflanze, jedes lauernde Tier, selbst der Wind: alle halten wie ich einen Moment den Atem an. Langsam löst sich meine Erstarrung. Misstrauisch ducke ich mich. Ich gehe unter der Stelle hindurch, an der eben noch der vermeintliche Ast gehangen hat, und beobachte dabei gespannt jede Bewegung des Blätterdachs über mir. Nichts! Die Blätter, die von Nahem an Gelbdornrispen erinnern, geben den Blick auf den unheimlichen Gegner nicht frei. Aber was soll ich tun? Es ist alles so schnell gegangen. Das Etwas kann eine Schlange gewesen sein oder zu einem der Waldgewächse gehört haben. Es kann auch der Rüssel oder der Greifarm eines riesigen Tieres gewesen sein. Eines, das mich noch immer belauert … Wenn ich nur nicht so wehrlos wäre!
Bei planmäßigen Erkundungen hätten natürlich alle Strahler bei ... sich gehabt. Diesmal wurden wir aber allzu plötzlich aus aller normalen Bordroutine gerissen. Warum hätte ich immerzu eine Waffe bei mir tragen sollen? Der Einzige, der das ständig tat, war der Commander. Ich schüttele unwillkürlich den Kopf. Nein, das wäre nichts für mich. Aber wenn Cole jetzt neben mir stände, wäre ich ruhiger …
Es ist nicht mehr weit. Keine Angst.
Schon wieder so ein fremder Gedanke. Er ist eigentlich sehr ermutigend … vom Inhalt her. Aber trotzdem verwirrt und beunruhigt er mich. Ich bin mir jetzt sicher, dass diese Sätze irgendwie von außen in meinen Kopf geschickt werden. Das hieße aber, dass ein fremdes Wesen Macht über mein Gehirn hat.

Die Siedler auf Q23B
Leseprobe
1 (Donja Mau, Noytja, Prüfungsraum des Raumfahrtzentrums)
„Interessant: Junge Frau auf altem Poglio. Bo Xanorovs bekanntestes Werk aus seiner Übergangsphase …“
Genau das sind meine Worte beim Reinkommen. Interessant finde ich das Gemälde wirklich, nur eben doof und an diesem Ort fehl am Platze. Aber ich hätte besser die Klappe gehalten. Es geht schließlich nicht um ein Kunstseminar, sondern darum, mir die psychologische Tauglichkeit für den Einsatz im benachbarten Sonnensystem zu bestätigen. Und in diesem Sinn habe ich wohl gerade Minuspunkt Nummer 1 kassiert. Da habe ich mich wohl provozieren lassen. Die Prüferin ist nämlich meinem Blick beim Eintreten gefolgt und ich habe das glatt als Aufforderung zu einem Kommentar gedeutet. Einen Kommentar im Sinne von „Schau, ich kenne das Werk an deiner Wand …“ Besser, ich hätte mich weniger kunstverständig gegeben … Aber verlangt Raumeinsatz nicht auch viel Selbstbewusstsein? Blöd nur, dass einem das leider auch als Überheblichkeit ausgelegt werden kann! Schätze, nun habe ich eine Gegnerin. Die anfangs verblüffte Miene der Prüferin ist einem säuerlichen Lächeln gewichen, als müsse sie einen von mir ausgelösten Zahnschmerz unterdrücken. Dabei wollte ich nur den Prüfungsstress überspielen. Geht ja wirklich um was - ein Stück Leben und nicht um Schule.
Obwohl … Was die Tusse eigentlich hat? Vor ihr liegt doch mein Lebenslauf aus den Bewerbungsunterlagen, und da steht, dass meine letzte Schulerfahrung gerade ein Kunstmentoriat gewesen ist. Gerader geht's nicht. Da muss doch was haften geblieben sein?! Da muss ich doch über die Symbole, die Bo Xanorov in seiner Übergangszeit vom „spiegelnden Abbilden der Wirklichkeit“ zur „mathematisch-logischen Malerei“ verwendet hat, Bescheid wissen. Auch wenn ich die zum Abwischen finde: Halbrunde Kappen für das Weibliche an sich und zentral platzierte Bommel für die besondere Mädchenhaftigkeit – der Typ muss damals schon einen Schaden gehabt haben. Auf so was kann nur ein abgedrehter Mann kommen: Drei aneinandergelehnte Pyramiden als Reittier unserer Vorfahren für eine Frau?! Andere mögen da ja sonst was drin sehen, ich erkenne auf dem Bild weder eine Frau noch ein Poglio, das sie reiten könnte. Und ich werde das Grinsen nicht los: Die junge Frau – nehmen wir mal an, es wäre eine - hat zartgrüne Haut! Wahrscheinlich hat sich das Modell blaugelb geärgert über den damals schon berühmten Maler. Oder über die Vorstellung, die Kopie eines so perversen Gemäldes könnte einmal in einem Prüfungsraum für Raumflugaspiranten hängen.
„Hast du dir das auch wirklich gut überlegt?“
Na gut, Schluss mit Kunst, weg mit grüner Haut! Nun ist es so weit. Die Prüferin am Schreibtisch erwartet von mir eine Antwort. Die mir zugestandene Aufwärmzeit mit Bildbetrachtung ist abgelaufen. Ende der demonstrativ zur Schau gestellten Höflichkeit, die mir penetrant ins Gesicht geschwappt ist, und mit der die Mächtige noch geduldet hat, dass meine Blicke nach etwas neben oder hinter ihr suchen. Jetzt darf ich sie nicht mehr übersehen, sondern muss ihr unbedingt ins Gesicht schauen. Es gefällt mir nicht, dieses Gesicht und die Vorstellung, es jetzt ansehen zu müssen, und dass ich das verbergen muss, weil schließlich sie mich prüft und nicht umgekehrt …
Ich zwinkere, hefte meinen Blick auf den dunkelbraunen Fleck über dem rechten Wangenknochen der Frau mir gegenüber. Den hätte ich mir an ihrer Stelle wegmachen lassen.
Die Psychotusse spürt sicher, dass sie mir schon vor Einschalten des Verstandes unsympathisch war. Eine Sache von Sekundenbruchteilen. Den Eindruck muss ich irgendwie korrigieren! Sonst fall ich durch! Besser Kopf hoch und durch und Prüferin wie Poglio angelächelt! Es geht hier um mich. Jeder Kandidat für einen wichtigen Einsatz muss durch das psychologische Eignungsgespräch. Keine Ahnung, warum es entgegen jede Logik diesmal erst am Schluss kommt.
„… Vor Ihnen steht eine Bewährungsprobe von ganz neuem Kaliber.“
Kaliber?! Ist das nicht ein Ausdruck aus barbarischen Vorzeiten, wo Pani auf Pani geschossen haben? Die Tusse ist wohl von damals übrig geblieben.
Wenn ich jetzt frage, was sie zwischendurch gesagt hat, wirft sie mich gleich raus. Sie hält mich bestimmt für unfähig. Das hat sie selbst mit der herablassenden Art, mir Platz anzubieten, gezeigt … Oder soll sie erst einmal alle Interessenten verunsichern? Dabei … Mal ehrlich: Hat sie überhaupt eine Chance, mich abzulehnen? Wie viele junge Pani sind denn bereit, vier Jahre lang auf einem fernen Planeten für diese Fünffingrigen zu arbeiten? Doch nicht mehr als drei bis vier Dutzend auf der ganzen Noytja. Woher sollten die auch kommen? Die muss mich bestätigen! Die MUSS!
Dann diese Menschen … Was die sich einbilden? Kaum dass sie eigene Wünsche äußern können, wollen sie nicht mehr unter unsereins leben, sondern verlangen gleich einen ganzen eigenen Planeten. Und schon steht „Hilfe für siedelnde Menschen“ ganz oben auf der Heldenpunktliste. Mir kann's zwar recht sein. Punkte sind Punkte – nachher fragt keiner, ob sie berechtigt waren, nur haben muss ich sie … Aber richtig ist es nicht.
Jetzt schießt die Prüferin ihre Pfeile ab – mit einem Unterton, als ob ich nicht alt und klug genug wäre, um eine solche Entscheidung für mich zu treffen.
Ich sitze ganz ruhig da. Nichts wird mich verwirren.
„Hallo? Sie haben meine Frage verstanden?“
Meine Antwort kommt protokollgerecht: „Ja, habe ich mir gut überlegt.“
Hat die Frau wirklich eine andere Antwort erwartet?
„Sie kennen die Aufzeichnungen der Suchexpedition? Mit diesem Planeten ist etwas nicht in Ordnung.“
„Ja, kenne ich.“ Ich versuche, aus meiner Stimme das Abweisend-Gelangweilte herauszuhalten. Ich weiß genau, was die Frau bezweckt – und wahrscheinlich weiß sie, dass ich das weiß.
Dieser von Gerüchten umrankte Planet ist das Abenteuer schlechthin. Dazu für mich lauter Pflanzen, wie wir sie hier nicht kennen. Und echte Gefahren. Tussi, das bekommt man nur einmal im Leben geboten.
Ooops?! Habe ich gerade gelächelt? Hoffentlich kam das freundlich rüber!
Nun also eine letzte Psycho-Auslese. Entsetzt höre ich die Ankündigung der Prüferin: „Na, dann spielen wir die Aufzeichnungen noch einmal ab.“
Da klingt aber richtig Sadismus durch! Denkt die, ich gestehe jetzt ein, dass mich schon das erste Vorspielen der seltsamen Aufzeichnungen der Suchexpedition wirklich kurz ins Schwanken gebracht hat? Was hat die nur für einen ekligen Job. Ich weiß schon, warum ich „Psychologe“ auf die Liste von Berufen gesetzt habe, die für mich nicht infrage kommen. Anderen Leuten ins Innerste gucken zu müssen ist doch wie Kuscheltiere-Schlachten … Oder werden Mädchen härter auf ihre Eignung hin abgeklopft? Oder jugendliche Punktesammler? Oder nur weibliche Punktesammler?!
Ich unterdrücke ein Seufzen und konzentriere mich auf die Stimme aus dem Abspielgerät. Ich weiß, am Anfang wirkt alles noch wenig aufregend. Aber was später kommt … Ein Blick ins Gesicht der jungen Frau auf dem Gemälde. Für mich verdreht sie gerade die Augen. Sie kann mich verstehen …
In einem hat die Testerin ja recht: Ich muss abgebrühter werden. Ich rutsche also in eine etwas bequemere Position auf meinem Stuhl und spiele gespannte Aufmerksamkeit. Ich will dabei sein. Das allein zählt. Die ersten Sätze lass ich noch an mir vorbeirauschen. Toll von diesen Erkundern, dass sie noch staunen können und sich wundern, dass auf jenem fremden Planeten alles viel schneller wächst als bei uns und schon am Tag nach der Landung keine verbrannte Fläche mehr zu sehen ist. Dass ihnen also die Frage wichtig ist, ob es dort eine besonders gute Anpassung an seltenen und intensiven Regen geben könnte. Wie idyllisch alles wirkt.
Trotzdem deutet schon viel darauf hin, dass die Truppe von Anfang an unter Drogeneinfluss gestanden hat. Durch den sieht man vielleicht wirklich Poglios als blaue Pyramidenreihe oder umgekehrt. Warum aber muss ich mir deren Halluzinationen anhören?
Gut, eine blöde Frage: Ich will dorthin. Mir kann es genauso ergehen. Wer weiß, auf welche Weise die Erkunder ihre Rauschgifte aufgenommen haben. Eine Erklärung bieten sie immerhin an: Pilzsporen, die mit etwas Haarigem durch die Luft fliegen. Aber durch die Schutzanzüge?!
Oh, jetzt kommen die Aufzeichnungen zum ersten Ausflug. Ich könnte weiter dösen, ich weiß ja, was folgt. Es klingt immer noch idyllisch. Aber nach den ersten Sätzen ertappe ich mich doch dabei, der Stimme aus dem Abspielgerät aufmerksamer zu lauschen.
Nein, du Schreckschraube, du machst mir keine Angst. Dass Pflanzen wesentlich schneller wachsen als auf der Noytja, kann ja sein, aber dass sie vor den Schlägen der Macheten ausweichen, lässt nur den Schluss zu, dass die Wahrnehmung der Erkunder getrübt war. Gut, gut, Hinweis verstanden: Vorsicht ist geboten. Hätte gereicht, das als Warnung mitzugeben …
Ich schüttle den Kopf. Was für ein komisches Gefühl, erwachsene Pani in einer Extremsituation zu erleben und festzustellen: Sie führen sich gerade so unbekümmert, unvorsichtig bis sträflich leichtsinnig auf, wie sie es Jugendlichen unterstellen!
Oder urteile ich nur so streng, weil ich weiß, wie die Sache ausgegangen ist? Wie wäre ich die bevorstehenden Abenteuer ohne Belästigung durch das wiederholte Vorspielen dieser Aufzeichnungen angegangen? Lockerer bestimmt. Zu locker? Ich blinzele zur Prüferin hinüber. Die scheint davon überzeugt zu sein. Im Moment aber liegt ein zufriedenes Lächeln auf ihrem Gesicht. Das sieht gut aus. Sie will mich wohl nicht ablehnen, empfindet mich als lernfähig. Mit Sicherheit hat sie mir aber mein Entsetzen an der Stelle angesehen, an der der Angriff der spuckenden Pflanzen beginnt und die Urwald-Erkunder in heilloser Flucht nur noch hoffen, ihr Erkunder-Schiff zu erreichen. Oh Gott, diese Vorstellung: Da denkst du, du bist gleich wieder in Sicherheit und stellst fest, dass irgendwelche schlängelnden Pflanzen längst in dein Fahrzeug eingedrungen sind und die meisten Geräte unbrauchbar gemacht haben. Dazu der quälende Verdacht, diese Horrorpflanzen könnten mit Vorsatz und Bedacht ihre Verwüstungen angerichtet haben, sie könnten Verstand haben und zwar einen sehr feindlichen! Was soll man auch denken, wenn der Innenraum nicht nur oberflächlich zugewuchert, sondern gerade an zusätzlich verkleideten Stellen von irgendwelchen ätzenden Flüssigkeiten zerstört ist? Wahrscheinlich wirklich, dass das Vorsatz war.
Die zwei zurückgelassenen Mitglieder der Mannschaft sind spurlos verschwunden … Das ist schon schlimm genug, aber ich weiß ja, wie sich deren Schicksal aufklärt. So schrecklich eben, dass ich den Gedanken daran sofort verdrängen möchte.
Innerlich schüttele ich mich, sehe mich in der Rolle des Erzählers. Der wollte lieber selbst sterben, als das Erkundungsprojekt zu gefährden! So handeln Helden! Ich möchte das auch können. Wie unwichtig wird da die Hautfarbe einer Pogliofrau …
Endlich reiße ich mich zusammen. Ich werde ja nicht als Chef reisen … Leider lässt meine Kraft nach, mit der ich mir bislang sozusagen virtuell die Ohren zugehalten habe. Der Ton der Aufzeichnung dringt jetzt ungefiltert an mein gequältes Gehirn:
„Fünfter Tag
Ich war mir sicher, dass ich nicht geträumt hatte, sondern noch munter war, als ich eine warnende Stimme hörte und … unser junges Paar zu der Zeit sah, als wir uns durch den Wald schlugen! Mistel und Klotz genossen die Gelegenheit, zu zweit allein zu sein. Sie hatten alle Instrumente gecheckt und den stündlichen Ruf in den Orbit geschickt, dass alles in Ordnung sei. Sie waren ausgestiegen und hatten es sich neben der Luke in der Natur bequem gemacht. Ein vorschriftswidriger Leichtsinn - ich hatte es befürchtet. Wenn ich richtig sah, dann schliefen sie ohne Schutzanzug neben der offenen Luke des Landers. Ich sah hilflos zu, wie sich schlangenartige Pflanzengebilde näherten. Der automatische Alarm schlug nicht an, sodass die beiden friedlich weiter schliefen. Dann ging alles extrem schnell. Plötzlich drückten sich die Schlinggewächse vom Boden ab, schwangen durch die Luft, stürzten sich auf Mistel und fesselten sie. Von ihr kam kein Laut. Ich sah ihren Todeskampf nicht, dafür Klotz, wie er erst danebenstand und dann selbst erwürgt wurde. Wenig später bewegten sich die Schlingarme auf die Luke zu und drangen ins Innere. Einen Moment lang schieden sie Panireste aus. Ich hörte Krach aus dem Landerinneren, während ich draußen zusah, wie diese Monsterpflanzenarme die Oberfläche überwucherten. Im Zeitraffer.
Beklemmende Bilder. Doch ein Traum? Klar. Was außer einem Albtraum hätte das sein sollen? Jetzt war ich aber wach. Nur, ich konnte mich nicht erinnern, aufgewacht zu sein.
Ich wollte das gerade meinen Kameraden erzählen, da hörte ich eine Stimme im Helmfunk. Schläfrig murmelte Schluck: 'Wisst ihr, was ich gerade geträumt habe?'
Und dann … schilderte er detailgetreu meinen Traum, und anstatt das zuzugeben, fragte ich: 'Meinst du, du erkennst die Stelle wieder?'
Schluck nickte stumm. Hinter seinem noch immer geschlossenen, verschmierten Visier erahnte ich angstvoll geweitete Augen.
Das und Ausrufe der Anderen, sie hätten dasselbe gesehen, also geträumt, enthob mich der Peinlichkeit, einzugestehen, ebenfalls von diesem Horrortraum heimgesucht worden zu sein.
'Ras, Twa, haltet uns den Rückweg frei!'
Niemand fragte, wovon.
Und dann … Es würgt mich immer noch im Hals. Ohne Zweifel, wir fanden paniale Überreste. Wir brachten nicht die Kraft auf, sie in den Gleiter zu holen. Die Stelle zu markieren erschien unnötig.
Bei unserer Suche wurden wir nicht gestört. Vielleicht beobachtete ES uns, wie wir diese … 'Warnung' aufnahmen? Wir sahen uns immer wieder um, ohne etwas Verdächtiges zu bemerken. Das, was mir am Vortag als Tangschlangenwiese vorgekommen war, entpuppte sich als Ansammlung irgendwelcher seltsam geformter Pflanzen. Ohne den Tod der beiden Kameraden, die jetzt aussahen, als wären ihre Körper tagelang sorgsam von Tieren abgenagt worden, hätte ich uns für Opfer einer Suggestion gehalten. Andererseits faszinierte mich die Möglichkeit, wir könnten es mit einer vorsätzlichen Warnung zu tun haben. Was sollten das für Monster sein, die uns auf eine so drastische Weise warnen könnten? Und wovor warnen? So sehr ich mich umsah, ich entdeckte kein Wesen, das uns beobachtete. Mühsam schluckte ich den Kloß im Hals hinunter. 'Diskutiert nicht, warum, beeilt euch lieber bei den Reparaturen.'
Erhofften wir noch Knochen der ersten Erkundermannschaft zu finden?! Wir mussten die auf der Noytja warnen. Wenn wir das nicht schafften, wäre die nächste Katastrophe vorprogrammiert.“
Also wenn das kein Beweis ist?! Hier sind doch alle verrückt, zumindest der Berichterstatter der Erkunder-Leute. Wie konnte der solch billigen Horrortraum als ernsthafte Meldung an die Noytja schicken? Das ist ja so, als wenn mich jemand fragt, was ich vergangene Woche Spannendes erlebt habe und ich erzähle ihm meinen letzten Albtraum als tatsächlich Erlebtes!
Aber Noytjas Wissenschaftler sind auch nicht besser, wenn sie das zu einem Hörspiel über diesen Planeten zusammenbauen … von den Psychos gar nicht zu reden, die uns das vorspielen – und das auch noch mehrfach. Na gut. Als Abschreckung geht's …
Ich schlucke. Klar, man hat den Planeten Q23B zur gesperrten Zone erklärt. Den Nachrichten und Eindrücken von dort ist einfach nicht zu trauen … Aber ganz so schlimm kann's dann doch nicht sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die wirklich Knochen gefunden haben. Sonst würden wir die Menschen nicht dorthin schaffen, oder? Das ist doch nur zu verantworten, wenn es diese Knochen nie gegeben hat. Ein Glück, dass ich da nicht verantwortlich bin. Ich bekomme nur Punkte für den Einsatz. Ich verkneife mir also jede Nachfrage …
Unter Vestalinnen (Radix 2)
Leseprobe
1 (Donja)
Ist mir schlecht! Der Schädel brummt, als hätte ich am Vorabend eine große Flasche Mulbeerwein niedergemacht. Mindestens! Ich schlucke mühsam gegen das Würgen in der Kehle an.
Vorsichtig öffne ich ein Auge. Oh nein! Yoniellas Gesicht! Es grinst mich an. Dazu höre ich ein lang gezogenes „Naaa!?“, das ich mit einem gereizten Fauchen beantworte: „Noch nie was vom Hib-Kater gehört?“ Ich drehe mich verärgert weg und schimpfe: „Scheiß Hibernation!“ Dann stöhne ich, schwinge meine Beine von der Liege und laufe zur Toilette. Etwas langsamer wanke ich zurück zu meiner Koje. Hätte ich bloß die Kraft, einen geeigneten Gegenstand zu greifen und ihn gut gezielt nach der Psychologin zu werfen! Stattdessen bedrängen mich wirre Erinnerungsfetzen, aus denen sich eine entsetzliche Frage herausschält: „Gion?“
Verdammtes Unterbewusstsein! Es beschwört Gions bewundernden Blick von damals herauf, diesen Blick, als wäre ich das erste schöne Mädchen, dem er je begegnet war. Meine Brustwarzen fühlen sich angesprochen, recken sich stolz in die Höhe bei der Erinnerung. Das passt nun gar nicht zu meiner Übelkeit …
Ganz langsam kommt die Erinnerung zurück. Aus dem Kokon des frisch Vergangenen entpuppt sich die Erkenntnis: Hinter mir liegt die größte Dummheit meines Lebens und das wichtigste Wesen darin ist nicht greifbar, weil Lichtjahre entfernt auf dem Radix. Alle Übelkeit dieser Welt habe ich verdient. Ich hab's vergeigt, verbockt, versaut.
Mein Zustand ist normal. Angeblich wachen die meisten Pani in ähnlicher Verfassung aus der Hibernation auf. Dann ist das eben so. Nicht nur auf dem Rückweg vom Radix nahe der Heimat Noytja. Und ein Junge ist Gion schon längst nicht mehr. So wenig wie ich Mädchen oder gar schön.
So sehr ich mich bemühe, das geliebte Gesicht Gions vor Augen zu behalten … es verwandelt sich unbarmherzig in Yoniellas.
Wütend drehe ich mich wieder weg. Lass mich schlafen! Und wenn ich aufwache, ist alles wieder in Ordnung.
Wenigstens das Einnicken gelingt.
Mit dem Gefühl, ausgeschlafen zu haben, werde ich zum zweiten Mal wach. Der umgestülpte Magen hat sich aus dem Rachen zurückgezogen. Ich kann wieder halbwegs vernünftig denken. Das heißt, die meisten Details aus der Zeit auf dem Radix habe ich wieder parat – wie Dateien abrufbar nach Chronologie, nach Relevanz, nach Stichworten. Leider sind auch jene, die ich lieber gelöscht hätte, wieder hergestellt. Ich weiß um meinen Abschiedsgruß an Gion, er solle bleiben, wo er ist. Das kann doch nicht das Ende gewesen sein! Aber was im Raumschiff passiert ist, ist noch nicht wieder da. Es bleibt ein nebliges Geheimnis, warum neben meiner Anabiosewanne drei Betten stehen und zu wem die gehören. Nur, dass Gions nicht dabei ist, ist klar eingebrannt …
Moment … Das Raumschiff mit den verhinderten Siedlern? War es nicht vorher schon voll und wir waren zusätzliche Passagiere, von denen mehrere in einer gemeinsamen Kabine untergebracht werden mussten? Die meiste Zeit in Anabiosewannen, in Planetennähe dann in Betten? Dass ich geweckt worden bin und im Bett liege, hieße demnach, die Noytja ist nicht mehr fern. Trotzdem: Zu wem gehören die leeren Schlafplätze? Ist Gion doch noch … ?
Die letzte Frage klärt sich schnell auf. Lamo kommt hereingestürmt, hinter ihr Nita und da ist auch diese Psychologin wieder, Yoniella.
Was denn, Nita?! Ist die nicht bei Josh?
Bevor ich fragen kann, besprudeln mich die drei mit Schnattereien. „Na, endlich ausgeschlafen?“
Etwas Neues kommt nicht dabei heraus. Oder doch: Ich erinnere mich jetzt dunkel, dass sich Nita mit Josh gestritten hatte, wonach wir vier spontan beschlossen zusammenzuziehen. Geteiltes Leid ist trotzdem keine doppelte Freude …
Ich runzele die Stirn. Irgendetwas irritiert mich an unserer Art der Unterhaltung. Und dann fällt es mir wieder ein: Seinerzeit hatte mein Baum mir die Fähigkeit vermacht, Gedanken zu lesen. Die der vielen anderen musste ich vorm Abflug vom Radix sogar bewusst wegdrücken, um Gions klar zu hören. Jetzt ist da nichts laut Gedachtes, nur Ausgesprochenes. Meine drei Zimmergenossinnen quatschen in eine seltsame Stille hinein! Ob ich Gions Gedanken noch hören könnte? Wohl auch nicht. In zwölf Jahren Kälteschlaf ist diese verfluchte Fähigkeit vermutlich verkümmert. Erfroren in der Hibernationskälte. Dabei hat gerade diese Fähigkeit des einseitigen Gedankenlesens uns damals entzweit. Warum nur musste ich mich aufwecken lassen? Ich möchte anders aufwachen, neben einem, der mich genauso wenig versteht wie ich ihn …
Ein paar Stunden später ist nicht nur die Übelkeit verschwunden, sondern auch mein gesunder Appetit zurück.
„Du wirst staunen!“, hat Yoniella prophezeit.
Yoni. Wir verstehen uns blendend. Auch Nita und Lamo sind von ihr angetan. Wir laufen hinter ihr her und führen uns dabei auf, als wären wir mindestens ein Dutzend aktiver Jahre jünger. Stürmen in den einer Pagode der südlichen Mien nachempfundenen Speiseraum und rufen dabei „Wow!“ und „Edel, edel!“ wie erstmals allein losgelassene Jugendliche und nicht wie angehende Botschafter eines ganzen Planeten und ernsthafte Reiseberichterstatter. Ich sehe diesen riesigen Saal allerdings zum ersten Mal, denn vor der Hibernation ist Essen ja tabu gewesen …
Yoniella als Ersterwachte spielt unsere Gastgeberin und erklärt, dass in der mehrstöckigen Messe mehr als ein Großgros1 Pani seine Mahlzeiten einnehmen könne. Also alle auf einmal. In den vergangenen Jahren haben aber nur wenige Wachdienst geleistet. Die seien sich ja sowas von verloren vorgekommen …
Uff! Ich bin noch nicht in Form. Yoniella redet ohne Punkt, Komma und Pause. Ich kann ihr kaum folgen, komme gerade einmal zur Zwischenfrage, warum wir dann immer noch fast allein seien.
„Das täuscht“, klärt sie mich mit den Armen fuchtelnd auf. „Im Moment hast du natürlich Recht. Die meisten Passagiere haben mehr als doppelt so lange wie wir in Anabiose zugebracht. Deren Reanimation dauert etwas länger. Aber wenn du hinter die vielen einzelnen Raumteiler schauen würdest, fändest du sicher schon mehrere Gros2 Esser!“
Ich glaube ihr einfach. Sicherheitshalber. Ich möchte ja ihrem zwanghaften Erzähleifer nicht noch zusätzlich Vorschub leisten. Jeder verspürt so seine eigenen Nachwirkungen der Aufwachphase.
„Aber warum …?“ Nita kommt nicht dazu, ihre Frage zu Ende zu stellen. Yoniella wendet sich ihr sofort zu. „Tisch an Tisch, das geht schon wegen der Sicherheit nicht. Stell dir vor, es ist Alarm und lange Reihen springen gleichzeitig auf! Es würde selbst bei einem Probealarm Tote geben. Man hat sich also notgedrungen entschieden, nicht an Platz zu sparen.“
Yoni … Noch nie ist mir eine Pani begegnet, die ich bei all ihrem übersprudelnden Temperament so vorbehaltlos sympathisch gefunden hätte. Ich sehe sie an, denke „das totale Gegenteil von Gion“ und mag sie trotzdem. Mist! Da ist sie wieder, die unerwünschte Erinnerung an Gion. Dann lieber schnell noch einen Salat!
Als wir endlich satt sind, haben wir es nicht eilig, diesen ungewöhnlichen Speisesaal zu verlassen. Wir schlendern durch mehrere Gänge. Dabei bestaunen wir noch einen Moment die Bildwände an der äußeren Seitenfläche der Pagode. Auf mehreren nebeneinander angeordneten riesigen Bildschirmkacheln sieht man dort das, was die Offiziere auf dem Hauptschirm der Brücke sehen. Das ist im Moment ein Ausschnitt aus dem Sternenhimmel. „Deshalb sagt ja nicht Pagode oder Speiseraum zur Messe! Ihr würdet euch als Raumflugeleven outen, obwohl ihr gar keine seid. Diese Photon hat schon viele Dutzend Lichtjahre aufm Buckel … und der Leuchtpunkt ist nicht nur unsere Sonne, sondern schon abgedunkelt und der Pfeil da weist auf den kaum erkennbaren Punkt: unsere Noytja. Ab und zu wechselt das Bild und wir sehen unsere Heimat schon recht groß, damit alle wissen: Wir sind ihr nahe und die Entfernung schrumpft weiter.“ Yoni ist einfach einmalig. Es scheint, sie holt nicht einmal Luft zum Reden und manches kommt mir zusammenhanglos vor wie der Hinweis auf das Alter unseres Transporters.
Zurück in unserem Vierbettzimmer – meine Anabiosewanne ist inzwischen in die Wand zurückgefahren und durch ein Bett ersetzt - denke ich an die vielen Möchtegernsiedler. In deren Haut möchte ich nicht stecken: Beim Wecken ganz nebenbei zu erfahren, dass sie sich nicht dem Radix nähern, sondern der Noytja. Dabei sind sie in ihrer Erinnerung gerade erst zwecks Reise zum Radix in Hibernation versetzt worden. Das muss ihnen wie ein Albtraum vorkommen: Unverrichteter Dinge in die Heimat zurückzukommen, weil während ihres Hibernationsschlafs andere entschieden haben, dass die ursprünglich beabsichtigte Besiedlung des Radix nicht infrage kommt. Ich kann ihre Enttäuschung nachempfinden, besonders, weil mich das Ganze an Gion erinnert. Ich bin schuld! Warum nur habe ich damals Yonis Feststellung, manchmal müsse man für andere mitentscheiden, auf mich und Gion bezogen? Ich habe dafür gesorgt, dass er jetzt auf dem Radix ist und ich hier bin … Energisch schüttele ich den Kopf. Donja, blick nach vorne! Von wegen … Ich fühle mich so schuldig schlecht wie noch nie.
Gut zwanzig Tage nach unserem ersten Auftritt in der Messe sieht es dort ganz anders aus. Alle, die in Kälte „geschlafen“ haben, sind nun wach und hungrig. Nur wenige Tage und wir werden wieder den Boden der Noytja erreicht haben. Das bisschen Quarantäne-Untersuchung wird wie im Flug vergehen. Wir merken kaum, wie unsere Photon bremst. Die Lichtgeschwindigkeit ist längst keine Vergleichsgröße mehr.
Gegen die Angst, keinen ruhigen Platz zum Essen zu finden, helfen farbig blinkende Tafeln den Eingängen gegenüber. Auch der Nutzen der Raumteilerpflanzen wird jetzt deutlich: Der Geräuschpegel bleibt trotz der Massen verblüffend niedrig.
Wir haben uns anfangs zusammen an beliebige Tische setzen wollen, immer dahin, wo gerade vier Plätze zusammen frei waren. Zunächst wunderten wir uns: Fragten wir ganz freundlich, ob noch frei sei – nur aus Höflichkeit, denn wir sahen es ja – wurden wir erst seltsam gemustert … und dann kam die Antwort „Nein, ist besetzt!“ Fragten wir nicht und setzten uns einfach, wechselten die bisherigen Tischnachbarn an andere Tische, soweit sie nicht schon beim Essen waren …
Yoniella und den anderen Therapeuten schlägt Ablehnung entgegen. Ich weiß warum: Sie sind es gewesen, die vernünftigerweise auf dem Radix entschieden haben, dass alle Siedler und Punktesammler ungefragt unverrichteter Dinge umzukehren hatten. Sie hätten ja aus der Hibernation geholt und danach sofort erneut in Anabiose versetzt werden müssen. Die Entscheidung der Therapeuten gegen ein solches Vorgehen war also eigentlich logisch. Aber es war eben eine über die Köpfe der so verhinderten Helden hinweg getroffene Entscheidung. Nun werden wir drei anderen in diese Ablehnung einfach mit einbezogen. Die Enttäuschten sprechen demonstrativ weiter von „Q23B“ oder dem „Pflanzenplaneten“, als sei nie etwas passiert, weshalb wir den Radix eben Radix nennen.
„Die sollen mal nicht übertreiben“, schimpft Nita.
„Ich kann's ja verstehen“, versucht uns Yoni zu besänftigen. Da ist sie durch und durch Psychologin. „Sie fühlen sich durch uns der Lächerlichkeit preisgegeben. Stellt euch mal vor, ihr gehörtet zu diesen Heldenpunktesammlern!“
Yoni sieht mich dabei nicht an. Sie weiß ja, dass ich einst selbst einer war.
„Ihr denkt, ihr habt den Supereinsatz ergattert. Weil es schnell gehen sollte, einen mit einmalig niedrigen Zulassungsbeschränkungen. Eine Gelegenheit also, die wahrscheinlich nie wiederkommt. Ihr musstet nur wollen und gesund sein. Für den Radix-Einsatz gäbe es extrem viele Punkte. Zwar einen heruntergesetzten Tagessatz, aber gerechnet auf die vorgesehene Dauer wäre jeder auf einen beeindruckenden persönlichen Wert gekommen. Und nun? Für die bekundete Bereitschaft, den Besiedlern beim Erschließen neuer Lebensräume auf dem fremden Planeten zu helfen, gibt's nix. Und für die Siedler sieht es noch ungünstiger aus: Warum hätte es nicht sein können, dass sie trotz allem auf einem der anderen Kontinente des Radix hätten siedeln dürfen. Und wenn nicht … Sie hätten es vielleicht sogar eingesehen, aber sie wurden ja nicht gefragt.“
Diese verdammten persönlichen Punkte für heldenhaften Einsatz! Man kann viele Dinge für sie eintauschen. Zum Beispiel auf ein Patent zum Offizier in der Raumfahrt studieren. Nita hätte begründet, warum dieses Nicht-Geld eben doch etwas Geldhaftes an sich hat. Die sieben damals gelandeten Therapeuten haben ohne Ansehen der Kandidaten dicke Punkte-Konten verhindert. Und ob ich mich als verhinderter Siedler mit der einfachen Aussage, ein Pflanzengehirn habe keine Siedlungen „erlaubt“, zufriedengegeben hätte? Ganz sicher bin ich mir nicht. Ich hätte wohl eher gefragt, von was für einem Pflanzengehirn die Rede sei. Darüber gebe es doch nur Legenden …
Streit liegt in der Luft.
Elf weitere Tage vergehen. Noch ist der befürchtete Streit nicht offen ausgebrochen.
„Wir sind Freundinnen“, sagt Nita trotzig. „Da bleiben wir zusammen.“ Sie ist niedlich. Wenn alle Menschen so wären …
Heute allerdings betreten wir die Messe nur zu dritt. Yoniella hat uns gebeten, zum Frühstück vorzugehen und schon mal anzufangen, sie komme nach.
Wir denken uns nichts dabei. Beginnen wie verlangt mit dem Essen. Sind natürlich verwirrt, was da so lange dauern sollte und Yoni offenbar selbst vor uns geheim halten will. Dann entdecken wir sie am Eingang. Sie ist in bester Stimmung. Die ihr zugeworfenen feindseligen Blicke nimmt sie anscheinend gar nicht wahr. Sie kommt mit einer aufdringlich guten Laune auf unseren Tisch zu. Da passiert's! Ich weiß nicht, was Nita in dem Moment reitet. Sie schluckt herunter und ruft über mehrere Tische hinweg: „Sag, bist du schwanger oder was?“ Das kann nur von einer Menschenfrau kommen. Ein Pani scherzt nicht mit so etwas.
Fast genauso laut fällt die Antwort aus: „Ooooch! Schade! Woher wusstest du …?“ Es dauert lange, bis Yoni Nita abnimmt, dass sie wirklich nur auf den Busch geklopft hat, rumgealbert auf Menschenart, ohne zu bedenken, was für ein Problem es für Pani ist, schwanger zu werden.
Yoniellas Augen leuchten und ich spüre, wie die Stimmung in der Messe sich verändert. Die Leute an unseren Nachbartischen geben jeden Takt auf und gaffen zu uns herüber, soweit die Raumteiler es gestatten. Ob Yoni das überhaupt bewusst ist? Sie ist ja nie wie ich mit dem Spezialauftrag Empfängnis auf dem Radix gewesen. Mir aber ist sofort klar: Ihr Zustand ändert alles. Eine werdende Mutter – das ist wie ein Schrein, zu dem man geht, um sich zu verbeugen. Mit einer werdenden Mutter streitet ein Pani nicht.
Nita beweist, dass sie keine Pani ist. Gespannt lächelt sie Yoniella an. „Wer ist der Vater? Ihr müsst euch ja gleich rangemacht haben, kaum, dass ihr aufgewacht seid?!“
„33. Tag.“ Danach fragt man zwar nicht, aber Yoni gibt trotzdem auch Auskunft über den Vater: „Ich hab ihn rausgeworfen nachher.“
„Du wolltest also keine Familie?“
Yoni verdreht die Augen. „Nita, das ist intim! Trotzdem … Nein, die Schwangerschaft war zu diesem Zeitpunkt nicht geplant, aber was macht das schon? Und jetzt möchtest du wissen, warum ich noch ohne Nanniten bin? Genau aus dem Grund! Eben um überhaupt schwanger werden zu können. Später lasse ich mir vielleicht welche implantieren. Neugier befriedigt?“ Yoni schmunzelt.
Nita wirft ihr einen grübelnden Blick zu. „Du bist für viele Jahre auf Weltraumreise gegangen, ohne diese Nanniten intus zu haben, mit der Absicht schwanger zu werden? Ich denke, das ist gefährlich … Ich meine …“
Jetzt muss Yoni lachen. „Ich bin doch nur Psychologin. Was soll daran gefährlich sein? Außerdem … Seh ich schon so alt aus? In Hibernation altern auch Frauen ohne Nannies nicht …“
Wie offen Yoni über so persönliche Dinge spricht! Das möchte ich auch können. Trotzdem muss ich grinsen: Dass Yoni offenbar gleich einen Schwangerschaftstest gemacht hat, obwohl doch alles auch nur eine Unregelmäßigkeit hätte sein können! Sie ist eben eigen. Ich hätte noch viele Tage gewartet.
Was immer wir bei der Gelegenheit noch besprechen, es ist irgendwie nebensächlich. Selbst Nita muss klar sein: Jetzt hat sich alles verändert - und zwar zum Guten.
Manche waren bisher bestimmt der Meinung, Yonis Freundschaft mit uns wäre nur eine Form der Therapie der schwierigen Fälle: Ich schwierig sowohl wegen meines Auftritts als angebliches Sprachrohr der Pflanzenwesen als auch wegen des auf dem Radix zurückgelassenen Geliebten, Nita, weil ihre Gemeinschaft mit dem Mann ihrer Träume gescheitert scheint, obwohl sie sich seinetwegen von Vater und Mitmenschen gelöst hatte – sie hat immer noch nicht erzählt, warum - und Lamo ist generell ein Therapiefall, egal, ob wegen ihrer Beziehungen zu Kess und Gion oder zu Glamm. Aber das Wissen um eine Schwangerschaft teilt man immer zuerst mit den engsten Vertrauten.
Zweieinhalb Dutzend Tage nach Yonis Sensationsnachricht ist auf den Bildschirmkacheln an den Wänden ein neuer Punkt aufgetaucht. Gebannt starren wir dorthin. Lamo kneift die Augenlider zusammen, als könne sie so schärfer gucken.
„Der Punkt war gestern auch schon da!“ Smilla, eine von Yonis Therapeutenkolleginnen, grinst vom Nachbartisch herüber.
„Aber da fliegt was direkt auf uns zu“, begründet Lamo laut ihr Interesse.
Planet der Honiginnen
Leseprobe
Kapitel 1
Ich bin ein Paluio. Das Wort stammt aus einer Ureinwohnersprache und bedeutet soviel wie „vernünftiger Bewohner der Leben tragenden Kugel“. Im Laufe der letzten beiden Jahrhunderte hielten die über das Große Wasser gekommenen Eroberer es für angebracht, sich selbst als die Vernünftigen zu bezeichnen. Wie auch immer, ich falle unter „Vernünftigen“ nicht auf, auch wenn ich manchmal bezweifele, dass alles, was wir auf und mit diesem Planeten anstellen, vernünftig ist.
Und das sage ausgerechnet ich, Jonathan Waechter, der ich zwar Wissenschaftler bin, aber eben nur ein Doktor der Entomologie.
Die Nachkommen der Neubesiedler haben das Land hier Neuglucksland benannt – nach der Herkunft ihrer ersten Vorfahren aus Glucksland. Eigentlich ist mein Heimatkontinent genauso alt oder neu wie der, aus dem die Eroberer gekommen waren, aber da die die Namen vergaben, nannten sie den für sie neuen einfach den „neuen“, während sie ihren Herkunftskontinent nach dem großen Erobern den „alten“ nannten …
Wer sich zu meinen persönlichen Vorfahren zählen kann, ist nicht mehr nachzuweisen. Meine Eltern sprachen nicht darüber, wahrscheinlich, um es mir leichter im Leben zu machen. Man hat es nämlich nicht leicht, wenn man als Ureinwohnernachfahre erkannt wird. Dabei war meine Kindheit auch eine für einen Neuglucksländer untypische. Ich hätte wohl auch gelitten, wenn ich nachgewiesener Nachkomme glucksländischer Eroberer gewesen wäre.
Meine Klassenkameraden waren nämlich hungrig nach Abenteuern, richtig Gefährlichem, Spannendem, Gruseligem. Unser Alltag als Zehnjährige bestand aber nur aus Schule und Hausaufgaben und Helfen bei den Eltern. Das war zwar auch gruselig, aber eben anders. Also suchten wir unsere Abenteuer im Spiel, in dem jeder eine Rolle hatte.
Ich glaube, es war eine Zeitung, in der der Ausdruck Mörderhonnies zum ersten Mal verwendet worden war. Angeblich war ein Schwarm Honiginnen über einen harmlosen Bauern hergefallen, den man nachher entstellt und tot wiederfand. Wir lasen „… zerstochen“ und „anaphylaktischer Schock“ und verstanden nur „ermordet“.
Einer der älteren Jungs aus unserer Schule behauptete, den Mann zu kennen, und seitdem kursierten bei uns mehrere Versionen der Mörderhoniginnengeschichte. Die Erzähler waren alle dabei gewesen oder kannten einen, der im Stil eines Comic-Helden alles als Sieger überstanden hatte. Die geschilderten und selbstverständlich gewonnenen Kämpfe wurden dramatischer und die Gegner immer böser mit gefährlichen Widerhakenstacheln und Gift.
Richtige Raubtiere gab es in unserer Gegend nicht, seit die Eroberer den neuen Kontinent vereinnahmt und die wenigen noch vorhandenen Ureinwohnerstämme in Reservate verbannt hatten. Um aber ausgerechnet aus Honiginnen etwas Gruseliges zu machen, brauchte man schon einige Fantasie. Die Zeitungsschreiber hatten sie – noch mehr als wir. Die schlachteten gern Meldungen über Schwärme aus, die geschlossen über unschuldige Landbewohner hergefallen seien, um sie zu töten. Kann ja sein, dass es wirklich einmal einen solchen Vorfall gegeben hatte, aber er wurde immer neu eindrucksvoll aufbereitet, als gäbe es nichts Gefährlicheres auf der Welt als marodierende mordlustige Insekten. Natürlich sahen wir alle den Film „Killer-Honiginnen“ und hielten ihn für Tatsache.
Während wir sonst kaum in eine Zeitung schauten – nach solchen Horrormeldungen waren wir richtiggehend süchtig. Es gab doch bei uns überhaupt nichts Bedrohliches, wenn man einmal von diesem leicht schwefelmilchfarbenen Himmel absah, von dem die Alten behaupteten, früher, also als sie noch in unserem Alter gewesen seien, sei er an Sonnentagen mitunter tiefblau gewesen. Wir ließen sie schwatzen und lachten, aber irgendwie … wenn wir danach nach oben sahen, bildeten wir uns ein, da flögen in Dunst aufgelöste Geister. Wir wollten uns dann besonders gut benehmen, denn wir wurden bestimmt vom Himmel aus beobachtet. Von einer Mörderhoniginnenplage stand zwar nichts in der Wahren Schrift, aber man konnte ja nie wissen, welche grausige Strafen uns sündige Vernünftige treffen konnten.
Ich gebe zu, ich war bei den meisten als Schlappschwanz abgestempelt. Ein echter Außenseiter, einer von denen, die zum Mobben freigegeben waren.
Der letzte Schrei unter den Videospielen, die wir gerne „in echt“ nachspielten, hieß „Die Kurlis kommen!“ und immer hatte ich dabei den Kurli zu machen. Die anderen setzten mir eine alte dicke Mütze auf und schmierten mir Dreck ins Gesicht, damit es echt aussah. So musste ich dann die Mädchen erschrecken und die anderen Jungen durften sie beschützen, bis ich ausreichend verprügelt worden war.
Das hatte damit zu tun, dass wir die Kurlis für ein Volk auf der anderen Seite des Großen Wassers hielten, das im Wald lebte, den sie Taga nennen, wenn man nicht durchkommt, und Tuda, wenn man durchkommt. Und wer so lebt, muss natürlich kulturlos und böse sein. So jedenfalls stand es in der Spielanleitung und Lehrer Finch hatte es uns bestätigt.
Mir fehlte einfach all das, was man als Junge haben muss, um in einer Gruppe gut angesehen zu sein – Muskeln oder das gewisse Etwas im Gesicht und im Gehabe, eine große Klappe … vor allem aber die richtige Herkunft: Mein Vater war kein echter Farmer. Schlimmer: Er war Honiger. Mit anderen Worten: Er war für die meisten ein schräger Vogel, der Herden an Mörderhoniginnen hielt, wahrscheinlich sogar mit ihnen sprach. Wegen des unzüchtigen Befruchtens von Blüten, wie uns gepredigt wurde, und eines Glases Honig im Jahr … also wegen etwas, auf das man wirklich verzichten konnte; auf ein ordentliches Stück Büffelbraten aber konnte man nicht verzichten, zumindest nicht als Mann.
Die Sache mit den Mörderinsekten verschaffte Vater einen Ruf, wie ihn in alten Zeiten die Kräuterweiber gehabt haben mochten. Er war sozusagen eine männliche Hexe. Dabei war er in seinem Job eher ein Trucker. Tagelang war er auf Tour, wenn Honiginnen zum Bestäuben angefordert wurden. Natürlich ließ er seine summenden Helfer auch an den Feldern der Eltern meiner Klassenkameraden fliegen. Zu einem Freund oder gar einer Freundin verhalf mir das aber nicht. Mir fehlte nur oft der Vater für ein Gespräch unter Männern. Manches erzählt man eben nicht seiner Mutter, wenn man ein Mann werden will.
***
Meine Position in der Klasse änderte sich an meinem 11. Geburtstag schlagartig. Peter und sein Clan hatten mich in der Woche davor mal wieder in die Mitte der Taga zurückgejagt. Sie schubsten mich von einem zum anderen, und Schiss war das Wort, das ich am häufigsten zu hören bekam. Peter wollte nämlich, dass ich mich „freiwillig“ mit ihm prügelte, aber ich wollte nicht wieder verprügelt werden. Was weiß ich, wie mir dabei dieses „Selber Schiss!“ herausgerutscht war. Jedenfalls sollte ich das begründen, und da behauptete ich, dass ich mir zutrauen würde, nackt vor unseren Honiginnenwaben zu stehen und er nicht. Das Ergebnis war eine Wette.
Wie wunderten sich Mutter und Vater, als ich erzählte, dass fast meine ganze Klasse zu meiner Geburtstagsfeier kommen wolle. Sonst war mein Geburtstag immer nur einer der Anlässe für ihr Treffen mit den Hansons, und deren Junge und ich dienten den Erwachsenen als Vorwand, gemütlich auf ein Touristen-Bier zusammenzusitzen. Diesmal aber sollten sie nicht einmal mit in den Garten kommen dürfen!
Tatsächlich passierte, was niemand erwartet hatte: Ich durfte zwar Boxershorts anbehalten wegen der Mädchen, aber so gut wie nackt trat ich zwischen die Honiginnenkörbe. Wie ein Denkmal posierte ich zwischen ihnen. Entsetzt sahen die anderen Kinder Honiginnen auf meinen Armen landen. Ich hatte dorthin extra noch ein Paar Kleckse Honig geschmiert. Die angeblichen mordenden Monster drückten ihren etwa 25 bis 30 Millimeter langen Körper durch, streckten ihren Stachel am Hinterteil halbrund nach oben, als wollten sie sich selbst in Hals oder Rücken piken, und schienen mit ihren im Verhältnis zu ihren eigenen Größe riesigen, sich über das gesamte Gesicht wölbenden Facettenaugen zu prüfen, wohinein sie jenen Stachel jagen könnten. Aber sie stachen eben nicht zu. Peter murrte, da sei bestimmt ein Trick bei und er doch nicht blöd, mir das nachzumachen, egal, ob mit oder ohne Honig, und er versteckte seine Finger in den Hosentaschen. Nur die Daumen ließ er herausschauen in der Hoffnung, so lässig auszusehen.
Ausgerechnet an diesem Morgen war aber gerade wieder eine Meldung im Fernsehen gekommen, Mörderhoniginnen seien über einen Mann hergefallen. Dieses Mal hätten sie ihn aber „nur“ in Lebensgefahr gebracht. Weil mir selbst das nichts auszumachen schien, war ich plötzlich der Held der Schule. Als endlich anerkannter Junge empfand ich von nun an beinahe so etwas wie Freundschaft mit diesen als besonders fleißig geltenden Insekten. Sie waren ja sozusagen Streber wie ich. Ich bildete mir ein, die Honiginnen kannten und mochten mich. Wenn mich doch mal eine stach, sehr selten übrigens, war sie wohl neu im Volk.
***
Und dann kamen eines Tages fast alle unsere Honiginnenvölker nicht mehr zurück. Wie auf Verabredung. Einfach so. Wochenlang hechelten wir jedem Hinweis hinterher, was aus ihnen geworden sein könnte. Vergeblich.
Vater war schon eine Weile vorher krank gewesen. Er hatte das bis dahin gut vor uns verborgen. Nun aber schien mit unseren Honiginnenvölkern auch sein Lebensmut verflogen. Ich sehe mich noch an seinem Krankenbett stehen und dieses unselige Versprechen abgeben: „Ich werde mich weiter um unsere Honiginnen kümmern.“
Ich weiß nicht einmal, ob Vater in jenem Moment überhaupt noch daran dachte, dass seine fliegenden Freunde nicht mehr da waren. Vielleicht hatte er meine Worte auch einfach so verstanden, dass ich seine Tradition als Honiger mit den wenigen noch vorhandenen Völkern fortführte. Doch ich fühlte mich daran gebunden, denn seine Bitte hatte er in einem seltenen Moment der Klarheit zwischen zwei Phasen hervorgebracht, in denen er schon geistig weggetreten war. Gleich danach hatte er unvermittelt angefangen zu schimpfen: „So kommen sie. Mörben aus der Turgau oder Grazien oder irgendeinem anderen Land ohne Kultur. Alter Kontinent - klar! Dort kennen die Honiginnen dieses Parasitenpack seit Jahrtausenden. Wenn sich in den Stöcken dort zu viele Mörben eingenistet haben, dann ziehen die gesunden Honiginnen einfach um und entwickeln sich anderswo weiter. Bei unserer Kulturhonigin geht das nicht … Sprüht sie ein! Es lebe die neuglucksländische Honiginnenkultur! Vernichtet die Unkräuter … Nein, rettet sie! … Gift, Gift, da hilft nur Gift … Man muss … verbieten … wie bei den Isakern und deren Beutenkäfern. Die dürfen ja auch nicht rein bei uns …“
Ich war entsetzt. Vater hatte früher nicht so verbohrt gesprochen. Wenn er denn Zeit für mich gehabt hatte, hatte er sich bemüht, mir die Welt zu erklären und dabei die Achtung für Fremde und Fremdes zu vermitteln. Aber auch solche gegenteiligen Gedanken mussten in ihm gewesen sein.
Eine halbe Stunde später hörte er auf zu atmen. Es war mir keine Zeit geblieben, das Versprechen zu relativieren. Und offen gesagt zweifelte ich inzwischen an jeder Theorie über das, was mit unseren Honiginnen passiert sein könnte. Irgend so ein Alier hatte geschrieben, bei uns in Neuglucksland läge es am Stress, und ich hätte es geglaubt, wenn die auf der anderen Seite des großen Wassers nicht ähnliche Probleme gehabt hätten. Da nachzuhaken wäre doch eine Erfüllung der letzten väterlichen Bitte. Ein Anfang zumindest.
***
Wie sollte ich das nun einmal gegebene Versprechen einlösen? Ich weiß nicht, ob ich an einen Schöpfer glaubte, also so einen, wie der Pfarrer ihn uns beschrieb. Aber ein letztes Versprechen am Totenbett war doch zu erfüllen, egal ob für Vaters Seele im Himmel oder wegen des eigenen Gewissens! Dass Mutter sich um die Familie kümmern würde, so gut sie konnte, hatte sie nicht extra versprechen müssen. Das war selbstverständlich. Sie redete auf mich ein: „Du willst doch nicht der Honiginnen wegen von zu Hause weg?!“
„Für Honiginnen ist nicht jeder gemacht. Vater war's und ich bin es auch.“
Ich hatte mich mit ihr nie richtig verstanden – als Kind stellt man so etwas fest, aber weiß nicht warum. Waren es wirklich die Honiginnen, die zwischen uns standen – selbst nach Vaters Tod noch? Tat es Mutter weh, dass ich als Kind dieser Tiere wegen Vater nähergestanden hatte als sie, und sie hatte gehofft, ohne sie wären wir eine normale Familie? Vielleicht hatte sie sogar … Nein, sie hatte nichts mit dem Verschwinden der Honiginnenvölker zu tun. Das traute ich ihr nicht zu.
Dass ich unsere Honiginnen nicht wiederfände, war mir klar. Aber ich entschied für mich, dass da oben irgendwo über der aerosolgetränkten Atmosphärenschicht die Seele meines Vaters sich freute, wenn ich mein Versprechen erfüllte und die Gründe für das Honiginnensterben erforschte. Dafür gab es wohl nichts Geeigneteres als ein Studium der Entomologie. Das bewältigte ich so überzeugend, dass ich ein Stipendium vom Aros Insektenforschungsinstitut (AIFI) bekam. Die Kosten des Studiums wären sonst nicht zu stemmen gewesen. Ich hätte die folgenden Jahre nur noch an der Bezahlung der Raten meines Kredits gearbeitet, wenn mir denn einer gewährt worden wäre. Mutter hätte mir das ewig vorgehalten: „Junge, warum lernst du nichts Anständiges, wo man Geld verdient bei? Wir gehören nun einmal nicht zu den Wohlhabenden, die sich die Bildung ihres Nachwuchses leisten können …“ Na und so weiter. Also brauchte ich Gönner, die mich meiner gezeigten Leistungen wegen als viel versprechende Investition verstanden.
Das Institut war ein privates. Es musste zum eigenen Überleben Geld erwirtschaften oder jemanden finden, für den seine Forschungsergebnisse Geld wert waren.
Anfangs fragte ich mich zwar, für wen Honiginnenforschung finanziell interessant sein könnte, aber letztlich konnte es mir ja egal sein. Ich hatte mein Stipendium. Das zählte, nicht, wer es finanzierte und warum!
Sooft meine Zeit es zuließ, half ich von Anfang an bei praktischen Studien des AIFI. Manche meiner Kommilitonen hielten mich sicher für einen Streber, manche im Institut für einen nützlichen Idioten, aber insgesamt wurde ich geschätzt. Ich gehörte überall dazu. Hier war ich kein Sonderfall, sondern Insektenkundler unter Insektenkundlern. Meine gelegentlichen Anfälle von Schwermut verbarg ich geschickt. Dafür gab es kaum einen besseren Platz als das Institutsgelände, glich es doch am ehesten einem riesigen Sanatoriums- oder Kurkomplex. Backsteinbauten im Stil einer imitierten Zeit der Hieb- und Stichwaffen inmitten eines von Wanderwegen zu mehreren Froschteichen durchzogenen Parks. So mochte es einst in edlen Gegenden des ursprünglich mächtigen alten Gluckslands ausgesehen haben. In Aros wirkte alles wie irrtümlich eingepflanzt. Je gründlicher ich beobachtete, umso mehr wunderte ich mich. Ich hätte nicht zu fragen gewagt, aber ich hatte das Gefühl, vor weniger als drei Jahrzehnten hatte hier einer dieser reichen Sonderlinge seinem Spleen gefrönt. Alle Pflanzen waren vom alten Ari herübergeholt worden. Dabei hatte dieser seltsame Gartenarchitekt anscheinend eine Karte des fernen Kontinents maßstabsgerecht in die hiesige Landschaft übertragen und die entsprechenden Pflanzen abschnittsweise einsetzen lassen. Überall grünte und blühte es und die Luft schwirrte von Schmetterlingen, Sechspunkt-Käfern, Hummeln und jeder Menge wilder Honiginnen. Auch ein paar Langohrfellos hatten wohl den Weg durch die Umzäunung gefunden. Ich sah sie allerdings nicht selbst. Nur was hätten das sonst für skelettierte Tiere sein sollen, über die ich bei meinen Erkundungstouren gelegentlich fast gestolpert wäre? Die Größe kam hin. Ich hätte mich am liebsten beschwert. Die Tiergerippe sahen aus, als hätten sie schon lange da herumgelegen, und störten den Eindruck des sorgfältig gepflegten Parks. Für Parkgestaltung und -pflege waren doch sonst Mittel da. Ich wollte dann aber nicht gleich als Meckerer auffallen. Trotzdem fragte ich mich manchmal, wie mit der Erforschung des Honiginnenlebens so viel Geld zu verdienen sein konnte, dass ein ziemlich exzentrischer Park im Großen und Ganzen in Schuss gehalten werden konnte.