Talking Skin
(Mit sprechender Haut)
Leseprobe
Kapitel 1
Gila Ross
Bin ich verrückt, von allen guten Geistern verlassen, wie man so schön sagt? Aber sie waren doch da! Ich habe sie wirklich gesehen – und sie kommen gleich wieder! Monsteraugen, unmenschliche Augen … nichts als allgegenwärtige Augen. Eine sich mir nähernde Wand voller riesiger, miteinander verschmelzender wimpernloser Glotzer. Sie sind auch noch da, wenn sie nicht da sind. Ich weiß es, brauche nicht einmal meine Wimpern zu heben. Nichts schützt vor dem Gefühl, in einem über mir zusammenschlagenden Strudel vorstehender Augen zu versinken. Auch dass ich die Lider geschlossen halte, hilft wenig. Im Gegenteil. Dann brennt Wasser und darin schmoren die Augäpfel … Ich will das nicht mehr sehen!
Angefangen hat alles wohl mit den vor Schreck verzerrten Gesichtern meiner Kameraden im Raumschiff, als uns plötzlich etwas weg von unserer Bahn saugte. Es muss eine Katastrophe gegeben haben. Aber an die kann ich mich nicht erinnern: Filmriss. Nein, ich glaube, da war nie ein zusammenhängender Film. Nur lose aufblinkende Bilder des Erschreckens. Hilflos hoch drei. Kein Verstehen. Dann ein Schmerz – zu intensiv für mein Bewusstsein. Es schaltet ab. Sturz in bodenlose Schwärze. Kurzes Aufflackern. Ist der Tod so - ein Eintauchen in waberndes Nichts? Keine Zeit, nie mehr … Eigentlich gar nicht so schlimm, tot zu sein, fast so ähnlich wie zu leben, nur ohne Schmerzen …
Dann aber kommt die Verwirrung. Kann es sein, dass ich lebe? Muss ich nicht leben, wenn ich denke, dass ich lebe?
Ich atme ich tief durch, die Lider noch geschlossen. Wie schön: Da ist kein Schmerz! Es muss also alles gut gegangen sein und die Raumschiffskatastrophe habe ich mir nur eingebildet. Oder doch nicht? Aber sollte ich tatsächlich eine überlebt haben, hätte man mich ja wohl zur Mumie verpackt in ein Krankenhausbett verfrachtet, voller Zugänge mit schmerzstillenden Mitteln, Transfusionen und der begründeten Angst, dass ich nie mehr auf eigenen Beinen in irgendein Raumschiff würde steigen können. Es fühlt es sich aber gar nicht so an. Oder bin ich … bei Gott?! Nein. Dann lieber im Krankenhaus. Aber es riecht anders. Richtig glücklich, dass mir der typische Krankenhausgeruch erspart bleibt, bade ich im Gefühl, gerettet zu sein. Meine Retter halten einen Krankenhausaufenthalt also nicht für erforderlich. Die werden schon wissen, was gut für mich ist und was nicht … Ich öffne meine Augen, gespannt auf alles, was mich erwartet, und sehe … eben jene untertassengroßen Glubscher sich nähern und von mir Maß nehmen …
Ich schreie auf. Erschrecke vor meiner eigenen entsetzten Stimme. In mir nur dieser eine Gedanke: „Die gibt es nicht, nein … Die sollen weg!“ Mit beiden Armen schlage ich nach dem Phantombild. Was ich mir da einbilde! Aber schon erkenne ich noch mehr Hässliches: Diese Augen stecken in Hügeln grauer, narbiger Haut. Da juckt die meine plötzlich, als wüchsen mir Warzen. Ich will mich wehren, schlage um mich. Treffe dieses Etwas. Vielleicht die Monsterglotzer selbst, vielleicht das Drumherum, was weiß ich. Ich sehe nur, dass aus den Seiten dieses Geäugs Schlangen hervorschießen, die gegen meinen Körper drängen. Nein, keine Schlangen: unzählige, meinen Ekel erregende Krakenarme voller Saugnäpfe. Viele, von überall her kommende. Ich brülle, was meine Lunge hergibt, und winde mich, um dem Angriff zu entgehen. Doch vor meinem ersten klaren Gedanken haben mir die Tiefseemutanten längst Arme und Beine gefesselt und ich atme einen fremdartigen Blütenduft ein. Von diesem Augenblick an schwebe ich. Eine Stimme in mir fragt „Wirklich Tiefseemutanten?“ Dann weiß ich nicht weiter. Ich schlafe nicht, aber wach bin ich erst recht nicht. Denken möchte ich, mich überzeugen, dass ich in einem Albtraum feststecke, aus dem ich nur aufzuwachen brauche. Aber warum durchnebeln dann immer wieder krakenförmige Gestalten meinen Raum ohne Anfang und Ende? Sie drehen etwas an dünnen Schläuchen herum, die von verschiedenen Stellen meines wehrlosen Körpers ins Nichts führen, gehen wieder, kommen zurück, drehen wieder und gehen wieder. Ich will nicht hinsehen. Sobald meine Augen zu arbeiten beginnen, begegnen sie denen vom Anfang. Immer wieder und wieder. Der Albtraum ist also noch nicht zu Ende. So etwas gibt es nicht! Ich will nicht weiter schlafen! Ich will nichts weiter als schlafen! Gebt mich frei! Monster gibt es nur in der Fantasie schlechter Science-Fiction. Habe ich so etwas vor kurzem gelesen?
Ela Lasen
Der Rücken juckt. Es krabbelt und sticht auf der Haut herum, als läge ich in einem Ameisenhaufen und Kolonnen fleißiger Kleinlinge versuchten mich für ihren Nachwuchs im Bau in handliche Stücke zu zerlegen. Meine Kleidung ist zerfetzt.
Allmählich kommen meine Sinne wieder. Da war was. Nur was? Ein Schlag auf den Kopf, ein Unfall, ein Sturz? Es fällt mir nicht ein. Meine Erinnerung ist wie ein virtueller Papierkorb nach dem Löschbefehl. Warum liege ich eigentlich in einem rückenfreien Anzug im Schilf? Muss ich das verstehen?
Schilf kann es wohl nicht sein. Diese ins Fleisch schneidenden Pflanzen sind etwas Anderes, etwas Fremdes. Zumindest gibt es keine arbeitseifrigen Ameisen, deren Mandibeln sich über meine Haut hermachen könnten. Schlaf wäre gut … Schnell wieder einschlafen und neu aufwachen. Das hilft bestimmt! Das ist wie einen festgefahrenen Computer neu zu starten.
Gelandet … Gedächtnis … Nicht gelöscht ein Bild: Ich in einem Raumschiff. Brücke - ein vertrautes Wort. Ich halte es fest, höre einen Ruf: „Ela! Ela?“ Das bin ich! Ela Lasen. Es ist aber niemand in meiner Nähe, der gerufen haben könnte. Alles wird wieder dunkel … Schlaf streichelt mich. Ich gebe mich ihm hin, aber nur wenige Minuten später zwinge ich mich: Ela, Augen auf! Sieh dich um!
Stöhnend richte ich mich auf. In einer halb sitzenden Position lasse ich meine Blicke schweifen.
Die angeblichen Schilfstängel, die mich umgeben, wachsen dicht an dicht, bedecken den fremden Boden wie ein wertvoller handgewebter Teppich. Sie sind allerdings mehr als einen halben Meter hoch. Ich brauche nur einen Trieb anzutippen, schon schießt er Unmengen winziger Pfeile auf mich ab. Samen. Der Rest meines Anzugs ist sofort milchig grün. Aber auch die Haut haben die Pfeile getroffen. Bin ich denn zum Nadelkissen für Samenpfeile mutiert? Oder soll dieses außerirdische Schilfzeug in meinen Poren keimen? Es juckt jetzt nicht mehr nur am Rücken, sondern auch an den Händen, am Hals und im Gesicht. Eigentlich juckt es nicht nur. Es ist, als brenne meine ungeschützte Haut.
Vorsichtig lasse ich mich wieder zurückfallen. Immerhin habe ich etwas gesehen. Ich liege in der Mitte einer Lichtung. Ganz allein. Über mir steht eine Sonne im Zenit. Eine komische Sonne! Der schwache Violett-Ton ihrer brennend heißen Strahlen verwandelt die Landschaft. Ich weiß nicht in was, aber ich finde das Bild beunruhigend unwirklich. Fremd …
Ich rufe mich zur Ordnung: Sieh nicht nach oben! Ein neuer Erinnerungsfetzen meldet: Ich müsste einen Schutzanzug tragen. Der ist Pflicht! Keiner darf ohne nach draußen. Keime, Strahlung … Eine freundliche innere Stimme erklärt mir, ich sei doch sonst pflichtbewusst und gründlich. Wir wollten … fremde Erde … Ich fühle mich schwach und möchte mich der Schwäche hingeben. Trotzdem sind da schlaffeindliche Gedanken: Es muss etwas passiert sein, dass ich nicht mehr dazu gekommen bin, mich vorschriftsmäßig für einen Außeneinsatz anzuziehen. Wahrscheinlich hat dieses Etwas auch mein Gedächtnis blockiert.
Egal! Hier kann ich nicht bleiben, das wird mir immer klarer. Die Sonnenstrahlen verstärken das Jucken auf der Haut. Mühsam setze ich mich ein zweites Mal auf und suche mit den Augen die Umgebung ab. Am Rand der Lichtung stehen Bäume, deren Medusakopfkronen ein verschlungenes Gewirr bilden, so dass ich nicht erkennen kann, wo der eine aufhört und der andere anfängt. Als ob sie sich hoch oben aneinander festhielten. Eigentlich romantisch: Bäume, die ihre Nachbarn umarmen. Unten allerdings sind nur nackte Stämme zu sehen, ähnlich wie bei durch Menschen angepflanzten Pappeln, nur eben mit knutschenden Ästen. Die haben sich lieb. Ich lächle. Ist doch eine schöne Vorstellung. Dann ein ernsthafter Gedanke: Dieses Kronengewirr wäre ein natürlicher Strahlenschutz für mich! Das denken und losgehen ist eins. Wer weiß, wie diese Sonne die unbedeckte menschliche Haut schädigt …
Nach der Hälfte des Weges schützt auch die Hose nicht mehr und meine Beine behaupten, mich hätten mehr als 20 Wespen gestochen. Es hilft nichts. Da muss ich durch.
Der Waldrand! Schatten! Endlich!
Und jetzt? Kann ich meinen Wahrnehmungen trauen oder träume ich im Fieberwahn? Die Stirn ist jedenfalls heiß, mir ist schummerig und ich fühle mich schwach. Kein Wunder bei dieser Hitze …
Auf einmal ist das Wort Notfallset da. Ich weiß plötzlich, dass jeder eines bei sich tragen sollte. Ich müsste noch mehr über die Zeit vor meinem ersten Erwachen auf der Lichtung wissen, aber irgendetwas blockiert den Versuch, mich genauer zu erinnern. Beim Aufwachen auf dieser Lichtung hatte ich jedenfalls kein Notfallset bei mir. Aber muss ich das nicht immer? Vielleicht habe ich es nur nicht gesehen? Nein, ich gehe nicht noch einmal in die Sonnenbestrahlung.
Ich schnuppere. Wie das duftet! Nach Wald und fruchtbarer Erde und ein paar Blüten, die ich noch nie erschnuppert habe. Ein erster positiver Eindruck, so positiv, dass ich tief einatme. Das hätte ich wohl nicht tun sollen! Mich packt bleierne Müdigkeit …
Zugleich ein warnender Gedanke: Ich muss unbedingt wach bleiben. Zwar habe ich noch kein einziges Tier gesehen, aber das will nichts heißen. Welches Lebewesen verirrte sich bei dieser brütenden Mittagshitze auch auf eine ungeschützte Lichtung? Viel wahrscheinlicher machte die einheimische Löwenfamilie um die Zeit ihre Siesta. Die Tiere hier kennen das Teufelsgras natürlich und meiden es. Oder stehe ich längst auf dem Abendspeiseplan eines mich beobachtender Säbelzahntigers? Der wartet in Ruhe ab. Ich bemerkte ihn wahrscheinlich nicht einmal. Er brauchte sich gar nicht zu verstecken.
Warum bin ich mir nur so sicher, dass es in dieser fremden Welt Raubtiere gibt, die an irdische erinnern? Löwen, Säbelzahntiger … Humanoiden? Ich war doch noch nie hier.
Ich werde mir jetzt die Bäume genauer ansehen. Nein, nicht jetzt … morgen … Morgen ganz bestimmt. Jetzt muss ich nur noch eines: schlafen.
Ich lege mich auf etwas Moosartiges, rolle mich zusammen. Helligkeit, Knacken und Rascheln, Zirpen und Schreie halten mich eine Weile in der Schwebe zwischen Schlafen und Wachen. Der Schlaf gewinnt.
Bilder, zwischendurch
„Commander … der Kurs ist nicht zu halten. Wir driften …“
„Piet, Erklärung? Gravitation?“
„Nein, nichts, was uns anziehen könnte.“
„Eine nicht natürliche Quelle?“
„Keine Daten!“
„Du musst gegensteuern!“
„Was meinst du, was ich die ganze Zeit mache? Trotzdem … Wir werden immer schneller! Unsere Leistung reicht nicht … oder die Messgeräte spinnen.“
Fünf Gesichter. Coles, beherrscht, kiloweise erstarrte Todesverachtung. Gilas, voll nacktem Entsetzen. Jennies, die Augen geschlossen. Piets, mit Blick auf Jennies: Nun sag doch was! Mein eigenes, das sich in der Monitorwand spiegelt. Blitze. Wahnsinniger Druck. Schwere. Es geht alles so unbegreiflich schnell.
„Ein Notsignal! Unsere Position. Wenigstens als Warnung für Andere.“
„Keine Koordinaten!“
„Gila, dann nimm die letzten, die …“
Gilas Kreischen. Die Schwere hat gesiegt. Mehr als zehn G. Der Tod. Ich kann meinen Kopf nicht mehr bewegen. Nichts mehr. Alles wird schwarz. Für einen Moment nur der Gedanke: Umsonst …
Ela
Ich schrecke auf. Tot? Bin ich …?
Nein, tot bin ich nicht. Das eben war eher eine Albtraumvision, aber ich weiß, dass sie reale Erinnerungen verarbeitet. Die aber sind voll Lücken und verschwommen.
Vorbei. Schweißtropfen bedecken mich, als hätte ich mich gerade panisch schnell bewegt. Gegen die reale Erinnerung spricht, dass ich dann eigentlich tot sein müsste … ich lebe aber!
Zwischen diesen Bildern und dem Jetzt muss etwas Rettendes geschehen sein.
Zumindest weiß ich wieder, dass ich Teil einer Raumschiffscrew bin. Wir waren fünf aus der Anabiose Erwachte auf der Suche nach extraterrestrischem Leben. Wo sind die anderen vier? Von dem Moment an, als diese ungeheure Kraft uns in die Sessel gepresst hat, muss ich ohne Bewusstsein gewesen sein. Gestern auf der Lichtung … da gab es keine Trümmerspuren. Das heißt, wenn wir wirklich abgestürzt sind, dann nicht dort. Jemand muss mich aus dem Raumschiff auf diese Lichtung getragen haben. Aber warum? Oder hat uns die Rettungsautomatik rausgeschleudert? Möglicherweise auch die Anderen? Dagegen spricht, dass ich einen Fallschirm gebraucht hätte, um nicht zermatscht zu werden.
Also andere Retter von hier?! Sind wir nicht allein auf diesem Planeten? Aber warum zeigen die sich nicht? Oder haben sie Cole und die anderen schon verspeist und mit mir erlauben sie sich ein letztes Katz-und-Maus-Spiel? Ich bin aber keine Maus!
Oder was haben sie mit der verschwundenen Crew gemacht? Warum bin ich jetzt allein?
Vorsichtig richte ich mich auf. Ein feiner milchiger Nebel hüllt mich ein. Ich friere. Der halb zerfetzte Arbeitsanzug schützt kaum vor der Nachtkälte. Außerdem … Jemand beobachtet mich. Da ist …
Nein, es ist nichts. Es ist das reglose Grinsen eines so gar nicht wärmenden Mondes. Wie zu Hause. Allerdings … zwei Schatten …
Ich drehe mich langsam um. Ja, tatsächlich: Auf der anderen Himmelsseite leuchtet ein zweiter Mond.
Ganz in der Nähe knackt es am Waldboden. Wäre es nicht besser, auf einen Baum zu klettern? Gegen die Raubtiere wäre ich auf einem der Äste sicherer. Wirklich?! Und dort oben soll ich weiterschlafen? Quatsch! Auf dem Baum käme ich nicht zur Ruhe. Dafür hätte ich am nächsten Tag zu allem Übel noch Kreuzschmerzen. Also was? Für ein Überleben in unbekanntem Dschungel bin ich nicht ausgebildet. Meine Aufgabe bei der Erkundung ist das Knüpfen von Kontakten mit fremden Zivilisationen!
Ela? Ela, hab keine Angst! Bleib, wo du bist, wir bringen alles wieder in Ordnung.
Was war denn das? Ich weiß ganz genau, das war nicht mein Gedanke. Gerufen hat mich aber auch niemand. Nichts Menschengemachtes inmitten der Geräusche des fremden Urwalds. Die Worte aber … die waren einfach in mir wie frisch gehört. Ich schüttele den Kopf, fühle mich an einen Zustand erinnert, wie ich ihn als Kind oft empfunden habe: Die Augen geschlossen, noch nicht schlafend, aber schon nicht mehr munter. Das beruhigende Gemurmel meines Vaters im Hintergrund. Wirklich und unwirklich zugleich.
Ich habe aber nicht geträumt, das weiß ich. Eigentlich müsste mich dieses Unheimliche, dieses Unerklärliche, dieser Spuk ängstigen, tatsächlich aber beruhigt mich das Wir-bringen-alles-wieder-in-Ordnung-Versprechen, auch wenn es wohl nur mein Wort gewordener Wunsch ist. Wieder nehme ich diesen bezaubernden Blütenduft wahr. Die Müdigkeit kommt zurück. Als hätte mir jemand ein Kissen untergeschoben und eine Decke über mich gebreitet, rolle ich mich einfach wieder auf dem moosigen Boden zum Schlafen zusammen. Schrecke noch einmal hoch: Da! Sind da nicht leuchtende, überdimensional große Augen in einem abgeplatteten haarlosen Monsterkopf?
Schon gut: Wir passen auf!
Wieder tonlos. Wieder der Spuk. Ich muss lächeln über mich. Bis vor kurzem eine moderne Astronautin, jetzt ein kleines Mädchen, zu dem die Eltern ans Bett kommen müssen, damit es behütet einschlafen kann. Aber irgendwie kommen sie und ich schlafe ein.
Hab ich lange geschlafen? Die Sonne steht hoch am Himmel. Also muss ich mehr als eine hiesige Nacht in Morpheus Armen gelegen haben. Immer besser als in Säbelzahntigers Pranken. Ich fühle mich völlig entspannt. Allerdings … Wann habe ich das letzte Mal auf die Uhr gesehen? Ich kann lange geschlafen haben, ohne es überprüfen zu können. Die Umdrehungszeit des Planeten ist sicher eine andere als die der Erde. Unser Discover ist ja zu keinerlei Untersuchungen gekommen. Wie auch immer: Ich fühle mich frisch. Die unbequeme Schlafposition ist ohne schmerzhafte Nachwirkungen geblieben. Spricht das für langen oder kurzen Schlaf?
Auf geht's! Der neue Tag hat begonnen. Jetzt wird's ernst. Ich finde schon heraus, was los ist – mit mir, mit den Kameraden und mit diesem Planeten.
Ich springe auf, klopfe mir ein paar Pflanzenteile vom Anzug, sehe an mir herunter und stutze. Das gibt es doch gar nicht! Habe ich gestern fantasiert? Mich haben nicht nur keine fremden Skorpione gestochen oder Blutsauger gebissen, nein, die am Vortag so gepeinigte Haut ist restlos glatt. Habe ich mir den Marsch durch das schilfartige Nesselgräserfeld etwa nur eingebildet?
Ich mustere meine Unterschenkel genauer, denn mir fällt ein farbloser Ölfilm auf der Haut auf. „Merkwürdig …“ Sofort schüttele ich den Kopf. Lache unsicher. Noch keinen Tag allein, und schon führe ich Selbstgespräche, das kann ja was werden. Dabei ist dieser Ölfilm auf der Haut viel mehr verunsichernd merkwürdig. Die idiotischste Auflösung verwerfe ich sofort wieder: Es könnte ein ganzes Volk heimischer Schnecken über mir herumgeschleimt sein. Dann wäre ich aber bestimmt wach geworden. Trotzdem eklig.
Ich sehe mich um. Nanu? Unmittelbar neben mir führt ein über einen Meter breiter, festgestampfter Weg in den Wald. Den hat es doch gestern noch nicht gegeben …?
Nein, ganz sicher: Am vorigen Abend war hier nur Wald und … der Weg endet an meinem Schlafplatz. Genauer: Dort verbreitert er sich ein wenig, um, na eben … um bei mir aufzuhören.
„Ganz ruhig, Ela, ganz ruhig!“
Ich betaste mich aufmerksam, fühle an der Stirn, suche nach Gedanken, die neu oder in irgendeiner Weise merkwürdig sind. Mir fällt nichts auf. Ich komme mir weder verrückt noch anderweitig krank vor. Eigentlich sollte solch ein nüchterner Selbstcheck allein schon die eigene Zurechnungsfähigkeit belegen. Also bin ich gestern zufällig auf diesen Punkt gestoßen, ohne den Weg zu bemerken? Kann das sein?
Ausgeschlossen! Trotz aller Schwäche habe ich intensiv nach Wegen durch das Dickicht gesucht und da waren keine. Unmittelbar über dem Boden nur undurchdringlich dichtes Buschwerk. Darüber hatte ich mich noch gewundert, weil ich im Schatten der hiesigen Baumverkronung weniger Pflanzen erwartet hatte. Theoretisch weiß ich, dass sich auch auf der Erde Pflanzen an eine lichtarme Umgebung gewöhnt haben, aber einen echten Urwald habe ich eben in Natura noch nicht erlebt. Hier irritiert mich seine fremde Fülle, wenn mir auch am Vortag etwas weiter im Inneren des Waldes das Unterholz nicht mehr ganz so dicht vorgekommen ist. Aber ein begehbarer Pfad? Mitnichten! Jetzt aber ist er da. Als ob in der Nacht jemand oder etwas an meinen Schlafplatz gekommen wäre, heimlich, bewusst unauffällig … um meine Haut zu behandeln!
„… und ich habe nichts bemerkt!“
Ich höre meine Stimme. Sie klingt wie die einer sich Ängstigenden in einem schlechten Horrorfilm. Kalter Schweiß steht auf meiner Stirn. Nein! Weder kann noch will ich das glauben, was hier passiert sein müsste. Aber das Ergebnis lässt sich nicht wegreden. Immerhin meinen es die unbekannten Wesen wohl gut mit mir. Nur warum lassen sie sich dann nicht blicken?
Ich muss lächeln. Eine etwas märchenhafte Antwort gäbe es schon: Diese Wesen halten sich für so hässlich, dass sie sich nicht zu zeigen wagen. Haben sie Grund dazu? Vor allem fiele mir dann die Rolle der Schönen zu! Die hat mir bisher niemand zugebilligt. Ich sehe ausgesprochen unscheinbar aus. „Zierlich, nicht zu dünn und nicht zu dick; manchmal lächeln dich graublaue Augen an“ – so hatte ich mich vor der Aufnahme in das Raumforschungszentrum in einer erfolglos gebliebenen Kontaktanzeige selbst beschrieben. Was wäre wohl aus mir geworden, wäre die erfolgreich gewesen? Mutter zweier Bilderbuch-Kinder, Kommunikationstheoretikerin oder was ganz Anderes? Zumindest wäre ich jetzt nicht hier … wo auch immer „hier“ sein mag.
Wo stecken jetzt die Biester oder, um das Märchen richtig weiterzuspinnen, „das Biest“? Der Weg fordert mich regelrecht zum Losgehen auf. Was bleibt mir übrig? Die Aussicht auf einen Schluck zu trinken und ein anständiges Frühstück lockt. Früher oder später werde ich essen und trinken müssen und Proviant habe ich keinen. Der Weg führt bestimmt zu meinem heimlichen Beschützer. Außerdem – wohin sollte ich sonst?
Ich stapfe los. Unsicher mustere ich die Umgebung. Vielleicht werde ich belauert? Ela, denk positiv! Achte lieber auf den Weg! Auf diesen schlangenförmigen nackten Ast zum Beispiel. Irgendwie hängt der verdächtig einsam herunter. Instinktiv bleibe ich stehen.
Am Wegrand findest du verschieden große Wanderstöcke.
Kaum sind diese Worte in mir, da beuge ich mich hinunter. Und wirklich: Ein zweigloser Ast wartet regelrecht darauf, von mir gefunden zu werden. Als ich ihn aufstelle, überragt er mich ein Stück. Ein Kitsch-Gemälde: Hirte auf einer Bergwiese mit Riesenstock. Na gut: eine Hirtin.
Mit dem Stab tippe ich spielerisch den merkwürdigen Ast an. Plötzlich vollführt der blitzschnelle Wellenbewegungen, schlägt eine Acht, zieht sich zusammen, zermalmt den Knüppel und verschwindet im Blätterwerk.
Stille.
Ich rühre mich nicht. Auch um mich herum rührt sich nichts. Kein Geräusch. Nichts. Als wäre nichts gewesen. Jede Pflanze, jedes lauernde Tier, selbst der Wind: alle halten wie ich einen Moment den Atem an. Langsam löst sich meine Erstarrung. Misstrauisch ducke ich mich. Ich gehe unter der Stelle hindurch, an der eben noch der vermeintliche Ast gehangen hat, und beobachte dabei gespannt jede Bewegung des Blätterdachs über mir. Nichts! Die Blätter, die von Nahem an Gelbdornrispen erinnern, geben den Blick auf den unheimlichen Gegner nicht frei. Aber was soll ich tun? Es ist alles so schnell gegangen. Das Etwas kann eine Schlange gewesen sein oder zu einem der Waldgewächse gehört haben. Es kann auch der Rüssel oder der Greifarm eines riesigen Tieres gewesen sein. Eines, das mich noch immer belauert … Wenn ich nur nicht so wehrlos wäre!
Bei planmäßigen Erkundungen hätten natürlich alle Strahler bei ... sich gehabt. Diesmal wurden wir aber allzu plötzlich aus aller normalen Bordroutine gerissen. Warum hätte ich immerzu eine Waffe bei mir tragen sollen? Der Einzige, der das ständig tat, war der Commander. Ich schüttele unwillkürlich den Kopf. Nein, das wäre nichts für mich. Aber wenn Cole jetzt neben mir stände, wäre ich ruhiger …
Es ist nicht mehr weit. Keine Angst.
Schon wieder so ein fremder Gedanke. Er ist eigentlich sehr ermutigend … vom Inhalt her. Aber trotzdem verwirrt und beunruhigt er mich. Ich bin mir jetzt sicher, dass diese Sätze irgendwie von außen in meinen Kopf geschickt werden. Das hieße aber, dass ein fremdes Wesen Macht über mein Gehirn hat.
Der Planet der Honiginnen
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Kapitel 1
Ich bin ein Paluio. Das Wort stammt aus einer Ureinwohnersprache und bedeutet soviel wie „vernünftiger Bewohner der Leben tragenden Kugel“. Im Laufe der letzten beiden Jahrhunderte hielten die über das Große Wasser gekommenen Eroberer es für angebracht, sich selbst als die Vernünftigen zu bezeichnen. Wie auch immer, ich falle unter „Vernünftigen“ nicht auf, auch wenn ich manchmal bezweifele, dass alles, was wir auf und mit diesem Planeten anstellen, vernünftig ist.
Und das sage ausgerechnet ich, Jonathan Waechter, der ich zwar Wissenschaftler bin, aber eben nur ein Doktor der Entomologie.
Die Nachkommen der Neubesiedler haben das Land hier Neuglucksland benannt – nach der Herkunft ihrer ersten Vorfahren aus Glucksland. Eigentlich ist mein Heimatkontinent genauso alt oder neu wie der, aus dem die Eroberer gekommen waren, aber da die die Namen vergaben, nannten sie den für sie neuen einfach den „neuen“, während sie ihren Herkunftskontinent nach dem großen Erobern den „alten“ nannten …
Wer sich zu meinen persönlichen Vorfahren zählen kann, ist nicht mehr nachzuweisen. Meine Eltern sprachen nicht darüber, wahrscheinlich, um es mir leichter im Leben zu machen. Man hat es nämlich nicht leicht, wenn man als Ureinwohnernachfahre erkannt wird. Dabei war meine Kindheit auch eine für einen Neuglucksländer untypische. Ich hätte wohl auch gelitten, wenn ich nachgewiesener Nachkomme glucksländischer Eroberer gewesen wäre.
Meine Klassenkameraden waren nämlich hungrig nach Abenteuern, richtig Gefährlichem, Spannendem, Gruseligem. Unser Alltag als Zehnjährige bestand aber nur aus Schule und Hausaufgaben und Helfen bei den Eltern. Das war zwar auch gruselig, aber eben anders. Also suchten wir unsere Abenteuer im Spiel, in dem jeder eine Rolle hatte.
Ich glaube, es war eine Zeitung, in der der Ausdruck Mörderhonnies zum ersten Mal verwendet worden war. Angeblich war ein Schwarm Honiginnen über einen harmlosen Bauern hergefallen, den man nachher entstellt und tot wiederfand. Wir lasen „ … zerstochen“ und „anaphylaktischer Schock“ und verstanden nur „ermordet“.
Einer der älteren Jungs aus unserer Schule behauptete, den Mann zu kennen, und seitdem kursierten bei uns mehrere Versionen der Mörderhoniginnengeschichte. Die Erzähler waren alle dabei gewesen oder kannten einen, der im Stil eines Comic-Helden alles als Sieger überstanden hatte. Die geschilderten und selbstverständlich gewonnenen Kämpfe wurden dramatischer und die Gegner immer böser mit gefährlichen Widerhakenstacheln und Gift.
Richtige Raubtiere gab es in unserer Gegend nicht, seit die Eroberer den neuen Kontinent vereinnahmt und die wenigen noch vorhandenen Ureinwohnerstämme in Reservate verbannt hatten. Um aber ausgerechnet aus Honiginnen etwas Gruseliges zu machen, brauchte man schon einige Fantasie. Die Zeitungsschreiber hatten sie – noch mehr als wir. Die schlachteten gern Meldungen über Schwärme aus, die geschlossen über unschuldige Landbewohner hergefallen seien, um sie zu töten. Kann ja sein, dass es wirklich einmal einen solchen Vorfall gegeben hatte, aber er wurde immer neu eindrucksvoll aufbereitet, als gäbe es nichts Gefährlicheres auf der Welt als marodierende mordlustige Insekten. Natürlich sahen wir alle den Film „Killer-Honiginnen“ und hielten ihn für Tatsache.
Während wir sonst kaum in eine Zeitung schauten – nach solchen Horrormeldungen waren wir richtiggehend süchtig. Es gab doch bei uns überhaupt nichts Bedrohliches, wenn man einmal von diesem leicht schwefelmilchfarbenen Himmel absah, von dem die Alten behaupteten, früher, also als sie noch in unserem Alter gewesen seien, sei er an Sonnentagen mitunter tiefblau gewesen. Wir ließen sie schwatzen und lachten, aber irgendwie … wenn wir danach nach oben sahen, bildeten wir uns ein, da flögen in Dunst aufgelöste Geister. Wir wollten uns dann besonders gut benehmen, denn wir wurden bestimmt vom Himmel aus beobachtet. Von einer Mörderhoniginnenplage stand zwar nichts in der Wahren Schrift, aber man konnte ja nie wissen, welche grausige Strafen uns sündige Vernünftige treffen konnten.
Ich gebe zu, ich war bei den meisten als Schlappschwanz abgestempelt. Ein echter Außenseiter, einer von denen, die zum Mobben freigegeben waren.
Der letzte Schrei unter den Videospielen, die wir gerne „in echt“ nachspielten, hieß „Die Kurlis kommen!“ und immer hatte ich dabei den Kurli zu machen. Die anderen setzten mir eine alte dicke Mütze auf und schmierten mir Dreck ins Gesicht, damit es echt aussah. So musste ich dann die Mädchen erschrecken und die anderen Jungen durften sie beschützen, bis ich ausreichend verprügelt worden war.
Das hatte damit zu tun, dass wir die Kurlis für ein Volk auf der anderen Seite des Großen Wassers hielten, das im Wald lebte, den sie Taga nennen, wenn man nicht durchkommt, und Tuda, wenn man durchkommt. Und wer so lebt, muss natürlich kulturlos und böse sein. So jedenfalls stand es in der Spielanleitung und Lehrer Finch hatte es uns bestätigt.
Mir fehlte einfach all das, was man als Junge haben muss, um in einer Gruppe gut angesehen zu sein – Muskeln oder das gewisse Etwas im Gesicht und im Gehabe, eine große Klappe … vor allem aber die richtige Herkunft: Mein Vater war kein echter Farmer. Schlimmer: Er war Honiger. Mit anderen Worten: Er war für die meisten ein schräger Vogel, der Herden an Mörderhoniginnen hielt, wahrscheinlich sogar mit ihnen sprach. Wegen des unzüchtigen Befruchtens von Blüten, wie uns gepredigt wurde, und eines Glases Honig im Jahr … also wegen etwas, auf das man wirklich verzichten konnte; auf ein ordentliches Stück Büffelbraten aber konnte man nicht verzichten, zumindest nicht als Mann.
Die Sache mit den Mörderinsekten verschaffte Vater einen Ruf, wie ihn in alten Zeiten die Kräuterweiber gehabt haben mochten. Er war sozusagen eine männliche Hexe. Dabei war er in seinem Job eher ein Trucker. Tagelang war er auf Tour, wenn Honiginnen zum Bestäuben angefordert wurden. Natürlich ließ er seine summenden Helfer auch an den Feldern der Eltern meiner Klassenkameraden fliegen. Zu einem Freund oder gar einer Freundin verhalf mir das aber nicht. Mir fehlte nur oft der Vater für ein Gespräch unter Männern. Manches erzählt man eben nicht seiner Mutter, wenn man ein Mann werden will.
***
Meine Position in der Klasse änderte sich an meinem 11. Geburtstag schlagartig. Peter und sein Clan hatten mich in der Woche davor mal wieder in die Mitte der Taga zurückgejagt. Sie schubsten mich von einem zum anderen, und Schiss war das Wort, das ich am häufigsten zu hören bekam. Peter wollte nämlich, dass ich mich „freiwillig“ mit ihm prügelte, aber ich wollte nicht wieder verprügelt werden. Was weiß ich, wie mir dabei dieses „Selber Schiss!“ herausgerutscht war. Jedenfalls sollte ich das begründen, und da behauptete ich, dass ich mir zutrauen würde, nackt vor unseren Honiginnenwaben zu stehen und er nicht. Das Ergebnis war eine Wette.
Wie wunderten sich Mutter und Vater, als ich erzählte, dass fast meine ganze Klasse zu meiner Geburtstagsfeier kommen wolle. Sonst war mein Geburtstag immer nur einer der Anlässe für ihr Treffen mit den Hansons, und deren Junge und ich dienten den Erwachsenen als Vorwand, gemütlich auf ein Touristen-Bier zusammenzusitzen. Diesmal aber sollten sie nicht einmal mit in den Garten kommen dürfen!
Tatsächlich passierte, was niemand erwartet hatte: Ich durfte zwar Boxershorts anbehalten wegen der Mädchen, aber so gut wie nackt trat ich zwischen die Honiginnenkörbe. Wie ein Denkmal posierte ich zwischen ihnen. Entsetzt sahen die anderen Kinder Honiginnen auf meinen Armen landen. Ich hatte dorthin extra noch ein Paar Kleckse Honig geschmiert. Die angeblichen mordenden Monster drückten ihren etwa 25 bis 30 Millimeter langen Körper durch, streckten ihren Stachel am Hinterteil halbrund nach oben, als wollten sie sich selbst in Hals oder Rücken piken, und schienen mit ihren im Verhältnis zu ihren eigenen Größe riesigen, sich über das gesamte Gesicht wölbenden Facettenaugen zu prüfen, wohinein sie jenen Stachel jagen könnten. Aber sie stachen eben nicht zu. Peter murrte, da sei bestimmt ein Trick bei und er doch nicht blöd, mir das nachzumachen, egal, ob mit oder ohne Honig, und er versteckte seine Finger in den Hosentaschen. Nur die Daumen ließ er herausschauen in der Hoffnung, so lässig auszusehen.
Ausgerechnet an diesem Morgen war aber gerade wieder eine Meldung im Fernsehen gekommen, Mörderhoniginnen seien über einen Mann hergefallen. Dieses Mal hätten sie ihn aber „nur“ in Lebensgefahr gebracht. Weil mir selbst das nichts auszumachen schien, war ich plötzlich der Held der Schule. Als endlich anerkannter Junge empfand ich von nun an beinahe so etwas wie Freundschaft mit diesen als besonders fleißig geltenden Insekten. Sie waren ja sozusagen Streber wie ich. Ich bildete mir ein, die Honiginnen kannten und mochten mich. Wenn mich doch mal eine stach, sehr selten übrigens, war sie wohl neu im Volk.
***
Und dann kamen eines Tages fast alle unsere Honiginnenvölker nicht mehr zurück. Wie auf Verabredung. Einfach so. Wochenlang hechelten wir jedem Hinweis hinterher, was aus ihnen geworden sein könnte. Vergeblich.
Vater war schon eine Weile vorher krank gewesen. Er hatte das bis dahin gut vor uns verborgen. Nun aber schien mit unseren Honiginnenvölkern auch sein Lebensmut verflogen. Ich sehe mich noch an seinem Krankenbett stehen und dieses unselige Versprechen abgeben: „Ich werde mich weiter um unsere Honiginnen kümmern.“
Ich weiß nicht einmal, ob Vater in jenem Moment überhaupt noch daran dachte, dass seine fliegenden Freunde nicht mehr da waren. Vielleicht hatte er meine Worte auch einfach so verstanden, dass ich seine Tradition als Honiger mit den wenigen noch vorhandenen Völkern fortführte. Doch ich fühlte mich daran gebunden, denn seine Bitte hatte er in einem seltenen Moment der Klarheit zwischen zwei Phasen hervorgebracht, in denen er schon geistig weggetreten war. Gleich danach hatte er unvermittelt angefangen zu schimpfen: „So kommen sie. Mörben aus der Turgau oder Grazien oder irgendeinem anderen Land ohne Kultur. Alter Kontinent - klar! Dort kennen die Honiginnen dieses Parasitenpack seit Jahrtausenden. Wenn sich in den Stöcken dort zu viele Mörben eingenistet haben, dann ziehen die gesunden Honiginnen einfach um und entwickeln sich anderswo weiter. Bei unserer Kulturhonigin geht das nicht … Sprüht sie ein! Es lebe die neuglucksländische Honiginnenkultur! Vernichtet die Unkräuter … Nein, rettet sie! … Gift, Gift, da hilft nur Gift … Man muss … verbieten … wie bei den Isakern und deren Beutenkäfern. Die dürfen ja auch nicht rein bei uns …“
Ich war entsetzt. Vater hatte früher nicht so verbohrt gesprochen. Wenn er denn Zeit für mich gehabt hatte, hatte er sich bemüht, mir die Welt zu erklären und dabei die Achtung für Fremde und Fremdes zu vermitteln. Aber auch solche gegenteiligen Gedanken mussten in ihm gewesen sein.
Eine halbe Stunde später hörte er auf zu atmen. Es war mir keine Zeit geblieben, das Versprechen zu relativieren. Und offen gesagt zweifelte ich inzwischen an jeder Theorie über das, was mit unseren Honiginnen passiert sein könnte. Irgend so ein Alier hatte geschrieben, bei uns in Neuglucksland läge es am Stress, und ich hätte es geglaubt, wenn die auf der anderen Seite des großen Wassers nicht ähnliche Probleme gehabt hätten. Da nachzuhaken wäre doch eine Erfüllung der letzten väterlichen Bitte. Ein Anfang zumindest.
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Wie sollte ich das nun einmal gegebene Versprechen einlösen? Ich weiß nicht, ob ich an einen Schöpfer glaubte, also so einen, wie der Pfarrer ihn uns beschrieb. Aber ein letztes Versprechen am Totenbett war doch zu erfüllen, egal ob für Vaters Seele im Himmel oder wegen des eigenen Gewissens! Dass Mutter sich um die Familie kümmern würde, so gut sie konnte, hatte sie nicht extra versprechen müssen. Das war selbstverständlich. Sie redete auf mich ein: „Du willst doch nicht der Honiginnen wegen von zu Hause weg?!“
„Für Honiginnen ist nicht jeder gemacht. Vater war's und ich bin es auch.“
Ich hatte mich mit ihr nie richtig verstanden – als Kind stellt man so etwas fest, aber weiß nicht warum. Waren es wirklich die Honiginnen, die zwischen uns standen – selbst nach Vaters Tod noch? Tat es Mutter weh, dass ich als Kind dieser Tiere wegen Vater nähergestanden hatte als sie, und sie hatte gehofft, ohne sie wären wir eine normale Familie? Vielleicht hatte sie sogar … Nein, sie hatte nichts mit dem Verschwinden der Honiginnenvölker zu tun. Das traute ich ihr nicht zu.
Dass ich unsere Honiginnen nicht wiederfände, war mir klar. Aber ich entschied für mich, dass da oben irgendwo über der aerosolgetränkten Atmosphärenschicht die Seele meines Vaters sich freute, wenn ich mein Versprechen erfüllte und die Gründe für das Honiginnensterben erforschte. Dafür gab es wohl nichts Geeigneteres als ein Studium der Entomologie. Das bewältigte ich so überzeugend, dass ich ein Stipendium vom Aros Insektenforschungsinstitut (AIFI) bekam. Die Kosten des Studiums wären sonst nicht zu stemmen gewesen. Ich hätte die folgenden Jahre nur noch an der Bezahlung der Raten meines Kredits gearbeitet, wenn mir denn einer gewährt worden wäre. Mutter hätte mir das ewig vorgehalten: „Junge, warum lernst du nichts Anständiges, wo man Geld verdient bei? Wir gehören nun einmal nicht zu den Wohlhabenden, die sich die Bildung ihres Nachwuchses leisten können …“ Na und so weiter. Also brauchte ich Gönner, die mich meiner gezeigten Leistungen wegen als viel versprechende Investition verstanden.
Das Institut war ein privates. Es musste zum eigenen Überleben Geld erwirtschaften oder jemanden finden, für den seine Forschungsergebnisse Geld wert waren.
Anfangs fragte ich mich zwar, für wen Honiginnenforschung finanziell interessant sein könnte, aber letztlich konnte es mir ja egal sein. Ich hatte mein Stipendium. Das zählte, nicht, wer es finanzierte und warum!
Sooft meine Zeit es zuließ, half ich von Anfang an bei praktischen Studien des AIFI. Manche meiner Kommilitonen hielten mich sicher für einen Streber, manche im Institut für einen nützlichen Idioten, aber insgesamt wurde ich geschätzt. Ich gehörte überall dazu. Hier war ich kein Sonderfall, sondern Insektenkundler unter Insektenkundlern. Meine gelegentlichen Anfälle von Schwermut verbarg ich geschickt. Dafür gab es kaum einen besseren Platz als das Institutsgelände, glich es doch am ehesten einem riesigen Sanatoriums- oder Kurkomplex. Backsteinbauten im Stil einer imitierten Zeit der Hieb- und Stichwaffen inmitten eines von Wanderwegen zu mehreren Froschteichen durchzogenen Parks. So mochte es einst in edlen Gegenden des ursprünglich mächtigen alten Gluckslands ausgesehen haben. In Aros wirkte alles wie irrtümlich eingepflanzt. Je gründlicher ich beobachtete, umso mehr wunderte ich mich. Ich hätte nicht zu fragen gewagt, aber ich hatte das Gefühl, vor weniger als drei Jahrzehnten hatte hier einer dieser reichen Sonderlinge seinem Spleen gefrönt. Alle Pflanzen waren vom alten Ari herübergeholt worden. Dabei hatte dieser seltsame Gartenarchitekt anscheinend eine Karte des fernen Kontinents maßstabsgerecht in die hiesige Landschaft übertragen und die entsprechenden Pflanzen abschnittsweise einsetzen lassen. Überall grünte und blühte es und die Luft schwirrte von Schmetterlingen, Sechspunkt-Käfern, Hummeln und jeder Menge wilder Honiginnen. Auch ein paar Langohrfellos hatten wohl den Weg durch die Umzäunung gefunden. Ich sah sie allerdings nicht selbst. Nur was hätten das sonst für skelettierte Tiere sein sollen, über die ich bei meinen Erkundungstouren gelegentlich fast gestolpert wäre? Die Größe kam hin. Ich hätte mich am liebsten beschwert. Die Tiergerippe sahen aus, als hätten sie schon lange da herumgelegen, und störten den Eindruck des sorgfältig gepflegten Parks. Für Parkgestaltung und -pflege waren doch sonst Mittel da. Ich wollte dann aber nicht gleich als Meckerer auffallen. Trotzdem fragte ich mich manchmal, wie mit der Erforschung des Honiginnenlebens so viel Geld zu verdienen sein konnte, dass ein ziemlich exzentrischer Park im Großen und Ganzen in Schuss gehalten werden konnte.