Es begann in Schwerin
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Kapitel 1
In Schwerin bin ich noch nie gewesen. Jens meinte, das sei ein unbedingt zu beseitigendes Manko. Er schwärmte von seinem Geburtsort und versuchte, ihn mir plastisch vor Augen entstehen zu lassen. Ich müsse mir vorstellen, wie vom alten Zentrum der Stadt zum Neubaugebiet Großer Dreesch Straßenbahnen an einer verträumten Halbinsel namens Krösnitz vorbeirasen. Ich musste ein bisschen grinsen, denn ich habe noch nie eine „rasende“ Straßenbahn gesehen, aber egal. Ich verbrauchte schon alle Fantasie für das Bild von Leuten, die dort wohnen und Kinder großziehen wie jenes musterhaft brave Mädchen Sonja, meine spätere Klassenlehrerin in Eberswalde, oder jenen Jens, den späteren Kommissar, ja selbst die Petra Herbst, diese Mensch gewordene Bedrohung der ganzen Menschheit.
Jens hat mir viel von der Vorgeschichte erzählt, als sie alle noch nichts Böses ahnende Kinder waren. Ja, Herr Kommissar, das hast du wirklich sehr plastisch geschildert. Nur hast du dabei vergessen, dass du inzwischen mehr von jenen äußerlich unscheinbaren Kugeln weißt als zu Kinderzeiten. Spinnerei und wissenschaftliche Hypothese sind da eins. Jetzt, als Erwachsener, weißt du, dass Aliens am Wirken waren. Das verfälscht bestimmt die Erinnerung an jenes Kindererlebnis.
Genauso ist es mit den Vermutungen, was die Aliens sich bei den Dingern gedacht haben. Heute wissen wir, dass an verschiedenen Stellen der Erdoberfläche solche Mehr-Kugeln-Pakete hinterlassen worden sind. Die Aliens durften also erwarten, dass mindestens eines davon durch normale Menschen gefunden und wissenschaftlich untersucht würde. Dass nur eines auftauchte und ausgerechnet zum Gegenstand eines ernst genommenen Kinderspiels werden würde, war mathematisch unwahrscheinlich. Mehrere in ihrer Wirkung nicht vorhersehbare Zufälle führten letztlich zu Folgen, die niemand erwarten konnte.
Das ging schon damit los, dass vor mehreren tausend Erdjahren nicht vorauszuahnen war, dass jene Region einmal von Mecklenburgern bewohnt werden würde, noch dazu solchen, die einen ihrer beiden großen Fahrwege Richtung Seeenge selbstironisch „Stadionstraße“ nannten nach einem Projekt in der Frühzeit der damaligen DDR, das wegen des für solche Bauwerke ungeeigneten Untergrunds nach einigen hoffnungsvollen ersten Spatenstichen abgebrochen worden war. Unser Kommissar, der immer nach Schuld suchen muss, hielt deshalb dieses Bauprojekt für das Vorspiel zum Vorspiel der Katastrophe. Ich stimme ihm insoweit zu, dass die Geschichte anders verlaufen wäre, hätte man das Stadion wirklich zu Ende gebaut. Trotzdem war der tatsächliche Ablauf, zumindest am Anfang, nichts als eine unglückliche Verkettung von Zufällen. Genauso gut könnte man die Schulplaner anklagen, die wegen der geringen Kinderdichte auf der Halbinsel den dortigen Schülern den Besuch der Dreescher Brecht-Schule nahelegten. Sie hätten schließlich vorhersehen müssen, dass sie damit eine kleine „Dorfkinder“-Gruppe zu Mobbingopfern in der Stadtschule machten. Auch die Eltern, deren fruchtbringendes Liebesleben ausgerechnet genau sieben Kinder in eine Klasse trieb, sind nicht ohne Schuld. Um genau zu sein: Wichtiger war, dass die Zahl von sieben Schülern erst durch den ersten ausländischen Zugezogenen zustande kam, also dass der als Nicht-Krössie unter Nicht-Dreeschern sich so sehr bemühte, zur Gruppe dazuzugehören. Wäre er nur in der Schule als „Dösbaddel“ mitgemobbt, auf der Halbinsel aber anerkannt worden, wäre er dort wahrscheinlich nicht so oft einsam herumgeirrt und hätte darum diese Kugeln nicht gefunden. Die Dinger warteten vielleicht immer noch darauf, entdeckt und sachgerecht behandelt zu werden. Rahmans Einsamkeit jedoch trieb ihn dazu, um jeden Preis Anschluss an die Gruppe der anderen Krössis zu suchen, ohne zu ahnen, dass eben diese Gruppe nichts als eine Notgemeinschaft zufällig an einem Fleck lebender Gemobbter war. Wären richtige Schulfreunde zusammengekommen, wäre die Gefahr vielleicht noch rechtzeitig gebannt worden.
Mag man es nun unglückliche Fügung oder Zufall nennen … weil genau die eben genannten Zutaten im Suppentopf der Geschichte landeten, wurde aus einem eigentlich unschuldigen Kinderspiel fast das Ende allen uns vertrauten Lebens auf der Erde und ich hätte – ebenfalls fast - keines der ehemaligen Krössi-Kinder je lebend getroffen.
Aber genug der Vorrede. Ich versuche einfach die GANZE Geschichte von Anfang an zu erzählen, also beginnend mit Rahmans verhängnisvoller Kinderei zu einer Zeit, als ich noch mit regelmäßig genommenen Antibabypillen zu verhindern gewesen wäre.
Rahman war ein Junge von fast 12 Jahren, der nach der Schule – wie ich schon erwähnte - einsam auf der Halbinsel Krösnitz herumstreifte. Unebenes Gelände war genau richtig für ihn. Es hieß, hier habe man zu frühen DDR-Zeiten den Bau eines Stadions begonnen und wegen des Grundwassers abgebrochen. Das Gelände erinnerte sich noch. Es bot Verstecke, wie Rahman sie liebte. Etwas flüsterte ihm zu, dort habe jemand einen Schatz verbuddelt. Rahman grub aber erst gezielt danach, nachdem er bei Bauarbeiten seiner Eltern die zweite seltsame Kugel gefunden hatte. Er hatte Glück. Die beiden ersten blieben nicht die einzigen. Insgesamt sieben anfangs mit Erde beschmierte Kugeln säuberte und versteckte er. Es war ihm wie ein Wunder vorgekommen: Er hatte GEWOLLT, dass das keine gewöhnlichen Kugeln wären, wie Erwachsene sie zum Boulespielen benutzten … da entdeckte er tatsächlich unbekannte Zeichen auf der Oberfläche.
Das war seine Chance: Bei der nächsten nachmittäglichen Gelegenheit wagte er, sich breitbeinig vor die anderen sechs Krösnitzer Kinder seines Alters hinzustellen und mit ernstem, beinahe feierlichem Gesicht zu verkünden: „Ich hab was Tolles auf unserer Baustelle gefunden. Wundersteine.“
Das erwies sich als kein guter Einstieg. Drei Jungen und drei Mädchen sahen einander ungläubig an. Waren wirklich sie angesprochen? Zwar wurden sie alle sieben in der Brechtschule auf dem Großen Dreesch regelmäßig verdroschen, aber Rahman war doch Pakistani, der war doch kein Krösnitzer! Der erlaubte sich ernsthaft, sie zu veräppeln? Wundersteine?! Was fiel dem eigentlich ein? Wofür hielt der sie? Für Kitakinder?!
„Wundersteine gibt's gar nicht!“ Jens reagierte als erster. Er tippte sich an die Stirn. Er machte auch den ersten Schritt auf den fremden Jungen zu. Die anderen bildete einen Halbkreis hinter ihrem Anführer.
„Du brauchst ja nicht mitzukommen“, fauchte Rahman zurück. „Aber wetten: Du hebst voll ab! Ganz starke Dinger, sag ich dir. Die musst du einfach erlebt haben. Ehrlich!“
„Du nervst, Junge. Zisch ab!“ Hagen musterte Rahman voll Verachtung. „Wenn du uns verarschst, kannst du nicht ohne Kissen aufm Stuhl sitzen. Sieben Wochen lang …“ Das klang fast wie ein Friedensangebot, dass sie die „Verarsche“ vergessen würden, nähme Rahman die „Wundersteine“ zurück. In der Schule standen sie ja zusammen gegen die Neubaukinder vom Dreesch.
„Auf einmal Arschvoll mehr oder weniger kommt's nicht mehr an. Krieg ich eh alle Tage“, antwortete Rahman, und wo er Recht hatte, hatte er Recht. „Ich beweise es euch. Kommt heute Abend um neun in mein Baumhaus. Ihr werdet staunen.“ Er sprach dabei immer schneller, denn die anderen Kinder kamen allmählich auf eine Weise näher, dass der Halbkreis zur Umkreisung zu werden drohte.
„So spät darfst du doch gar nicht mehr draußen sein, Großmaul!“ Jens grinste. Da hatte er gerade noch die Kurve bekommen. Beinahe hätte er eingestanden, dass er selbst um die Zeit nicht mehr „draußen sein“ durfte.
Genaugenommen fürchteten die sechs „eingeborenen“ Krössies, dass etwas an der Sache dran sein könnte, aber auf die Idee, Rahman sofort zu begleiten, kamen sie nicht. Schon wenige Minuten später spielten sie wieder zusammen - also Jungen und Mädchen getrennt - als hätte er sie nie unterbrochen.
Wie stolz Rahman war: endlich hatte er einen Weg gefunden richtig zur Krösnitzer Truppe dazuzugehören. War das kein Zeichen? Sie waren sieben Krössies und er hatte sieben Kugeln mit fremdartigen Schriftzeichen auf der Oberfläche gefunden …
Nach acht Uhr abends mussten alle zuhause sein. Aber kein echter Krössie ließ sich deshalb die Chance auf etwas Bestaunenswertes entgehen! Einer solchen Verlockung widerstand keiner. Ab 20.40 Uhr schlichen alle sechs Herausgeforderten zu dem auf Kate gestylten Neubau der Parchmanns, sorgfältig darauf bedacht, von niemandem gesehen zu werden, der diesen Ausflug nachher den Eltern hätte verraten können.
Es war sehr warm für Ende Oktober. Dafür war das letzte Dämmerlicht um diese Zeit fast völlig verschwunden. Nur gegen den Horizont waren die Silhouetten der Häuser noch zu erkennen. Der Abendwind trieb den fauligen Geruch alter Komposthaufen zum Anger. Irgendwo kläfften wütende Köter die um ihr Grundstück Herumschleichenden an. Immer wieder tauchte ein Schatten über den Bürgersteigen der Dorfstraße auf, zog sich am Straßenrand in übernatürliche Länge, verschwand im Dunkel, um von der nächsten Lampe her neu ins Riesenhafte gezerrt zu werden. Jens wagte nicht zu prüfen, ob sich da seinesgleichen oder Erwachsene seiner jeweiligen Deckung näherten. Er wartete lieber, bis niemand mehr auf dem Bürgersteig lief. Natürlich hätten auch alle anderen bestritten, dass sie eine Gänsehaut hatten, bevor es überhaupt losging.
Rahman erwartete sie an der Pforte zum Vorgarten. Er winkte kurz und eindringlich, drückte den rechten Zeigefinger auf den Mund und sah sich unsicher um. „Ist euch auch niemand gefolgt? Ihr habt doch keinem verraten, wo ihr hin seid? Das darf nicht rauskommen.“ Rahman spielte gern Superagent – und endlich mussten die anderen mitspielen!
„Spinner! Mach dir nich ins Hemd! Hokuspokus …“
Hagen schüttelte grinsend den Kopf.
Hinten im Garten, in einer unauffälligen Ecke des Grundstücks, stand Rahmans Hütte. Jens war verunsichert wie alle anderen. Auf Parchmanns Grundstück waren sie noch nie gewesen … und man konnte ja nicht wissen … „Der Alte ist Pakistani“, hatte Hagens Vater erklärt und es hatte geklungen wie „Die braten sich sonntags Kinderfleisch“. Da musste nichts dran sein, aber wenn doch …?
„Hier, nimm das!“ Rahman überreichte Jens eine Taschenlampe, deren Lichtstrahl er mit der rechten Hand etwas dämpfte, damit ihre Zusammenkunft vom Haus her unbemerkt blieb. Jens' Hand hielt die Lampe, als wäre sie eine Waffe.
Endlich hatten sich alle in das am Boden errichtete „Baumhaus“ gedrängt. Jens, als Anführer, setzte sich als Erster. Schließlich musste er zeigen, dass er keine Angst hatte. Petra, die Klügste in der Schule und auch sonst Ehrgeizigste der Gruppe, quetschte sich neben ihn und Sonja, die Möchtegernschlichterin. Dann kamen Hardy, der demonstrativ gähnte – ihn interessierten Ritter und alte Königreiche, also konnte er nichts Interessantes erwarten, und Hagen, der ebenfalls demonstrativ gelangweilt brummte „Na, da bin ich aber gespannt“, um sich Mut zu machen und den anderen zu zeigen, dass er welchen hatte. Als letztes nahm die kleine blonde Lisa Platz. Wie sehr hoffte sie, Rahman möge sie endlich zur Kenntnis nehmen! Alle hänselten sie, sie wäre in Rahman verknallt, aber der hatte bisher immer so getan, als merkte er das nicht. Diesmal kroch er hinter ihr her, in der Hand eine undurchsichtige Kugel. Er konnte sie mit seinen Händen etwa zur Hälfte umschließen. Sie hatte also ungefähr zehn Zentimeter Durchmesser. So schätzte Jens und war etwas enttäuscht. Das angekündigte Wunderding war absolut unscheinbar und grau, sofern die Farbe im Taschenlampenlicht überhaupt zu erkennen war. Nein, obwohl Rahman sie hochhielt, fiel keinem etwas Bemerkenswertes auf.
„Wunderkugeln sehen anders aus“, behauptete Hagen in einem Ton, als gehörten Wunderkugeln zu seinem Alltag. Er sprach damit aber nur laut aus, was alle dachten.
„Na, dann nimm sie mal!“, wandte sich Rahman an Lisa.
„Uff!“, rief das Mädchen überrascht, nachdem es die Kugel aufgefangen hatte. „Ist die leicht! Die brächt mir ne Eins im Kugelstoßen. Hohl?“
Rahman zuckte mit den Achseln und Lisa reichte die Kugel weiter. Alle wogen sie in den Händen, strichen über ihre Oberfläche und stimmten dem zierlichen blonden Mädchen zu.
Sonja sah sich suchend nach etwas um, wogegen sie die Kugel hätte schlagen können, fand aber nichts.
Hagen brummte unwillig. „Okay, und was ist so sonderbar an dem Ding? Dass es so federleicht ist? Wunder, komm raus, du bist umzingelt …“
Rahman verschwand kurz und kam mit fünf weiteren Kugeln zurück. „So … und jetzt?“
Lisa betastete eine zweite Kugel, warf sie leicht hoch, fing sie auf und meinte: „Sehr witzig: Ein Zwilling.“
„Und der Rest?“ Rahman wartete, bis Hagen als Letzter der Gruppe alle Kugeln miteinander verglichen hatte. Sie waren identisch. Dieselbe graue Farbe, die glatte Oberfläche und das geringe Gewicht – mehr ließ sich beim besten Willen nicht feststellen.
„Das werden wir gleich haben!“ Petra nahm Sonjas Kugel in die linke Hand und klopfte sie gegen ihre eigene. Ein dumpfer Ton, kein Nachhall. „Hm. Hohl klingt anders, glaub ich“, stellte Petra nachdenklich fest. „Was soll denn nun mit den Dingern sein?“
Bevor Rahman antworten konnte, schlugen auch die anderen ihre Kugeln aneinander. Immer derselbe dumpfe Ton. „Wenn ich's doch sage“, murrte Petra. „Warum glaubt ihr mir denn nicht?“ Dann mutmaßte sie: „Vielleicht ist was Flüssiges drin?“
„Erzähl das deiner Oma!“ Hardy tippte sich an die Stirn.
„Es sind ganz feine Schriftzeichen drauf. Sieht man aber nur bei starkem Seitenlicht und mit Lupe, Taschenlampe reicht nicht“, behauptete Rahman. Trotzdem versuchten die anderen Kinder, die Zeichen zu finden. Natürlich vergeblich. Obwohl auch er nichts erkennen konnte, murmelte Hardy, dass das „sumerische Runen“ sein könnten, aber auch altägyptische Hieroglyphen. Was der alles zu wissen glaubte …
Unbemerkt war Rahman noch einmal nach draußen gegangen. Als er wieder in der Tür auftauchte, mühte er sich vorwärts wie ein alter Mann, dem seine Last den Rücken krümmte. Hardy und Hagen lachten. Es sah einfach zu komisch aus. Rahman presste sein neues Wunderding mit beiden Händen fest an die Brust. Trotzdem konnte er die wie die vorigen aussehende Kugel kaum halten. Endlich ließ er sie fallen und sie schlug mit dumpfem Wumms vor seinen Fußspitzen auf den Boden.
„Sehr witzig! Super schwer …“ Hagen lachte und griff lässig mit der Linken nach der Kugel. Pech für ihn. Nicht nur, dass er jene am Boden kaum bewegte, Hagen fiel auch noch seine eigene herunter. Sie rollte auf die schwere zu und blieb an ihr haften. „Und jetzt lasst die anderen auch los!“, forderte Rahman.
Kaum am Boden, rollten die übrigen Kugeln zu der schweren hin und hafteten fest an ihr. Eine Art Atommodell war entstanden.
„Haha, Wunderkugeln … Gewöhnliche Magnete!“ Enttäuscht zog Petra die Schultern hoch.
Es ging eine Weile hin und her, was es mit den Kugeln auf sich hätte, woher sie kommen könnten und wozu sie gut wären.
Lisa beteiligte sich nicht. Sie guckte nur verträumt auf den Jungen, dessen Gesichtszüge vom Schatten des blauschwarzen Haares verdeckt wurden. Alle anderen überboten sich mit Vermutungen.
„Ist doch klar. Die lagen schon lange dort. Vielleicht Kanonenkugeln aus Wallensteins Zeiten. Die Größe stimmt.“ Hardy sprang auf. Fast wäre er mit dem Kopf an die Decke der Hütte gestoßen. Petra rief: „Aber das Gewicht nicht.“ Die anderen lachten wegen Hardys Verrenkungen.
„Du immer mit deinem Wallenstein! Wallenstein, der Sumerer oder der Ägypter?“ Hagen winkte stöhnend ab. „Spinner, du nervst!“
„Klar: Wallensteins Astrologe hat sie hohl gezaubert. Damit sie extra weit fliegen. Warte, ich hab einen besseren Vorschlag: Die gehörten Münchhausen. Der ist drauf geritten.“ Jens packte eine der Kugeln und hielt sie sich unter den Hintern. Dazu machte er ein Geräusch, als pfiffe eine Kanonenkugel durch die Luft. Alle prusteten los und hielten sich die Bäuche, bis Petra behauptete: „Nein. Die kommen aus dem Weltall!“
Sofort verstummten die anderen. Zugestimmt hätte zwar keiner – außerirdische Kugeln, das war natürlich genauso Quatsch wie Sumerer in Mecklenburg, da wäre selbst Wallenstein schon glaubhafter – aber faszinierend fanden sie den Gedanken schon.
Rahman hörte auf, auf seinem Platz hin und her zu rutschen. Er stand auf. „Es sind genau sieben – so wie wir“, sagte er mit betont feierlicher Stimme. „Jeder von uns könnte also eine behalten. Wenn ihr schweigen könnt. Dass mir niemand was davon erzählt! Vor allem keinem Erwachsenen. Dann wären wir sie wieder los und sie landen neben einer alten Kanone im Museum. Bestimmt.“
Das leuchtete ein. Alle nickten schweigend. Rahman verteilte die Kugeln wie Orden an Helden einer Schlacht. Die leichten zuerst. Lisa gab er zum Schluss die schwere. Er versicherte ihr, dass er sie ihr nach Hause tragen würde. Lisa lächelte glücklich. Für sie war das der entscheidende Augenblick! Endlich war es raus: Rahman mochte sie.
„So, und jetzt muss jeder schwören“, fuhr Rahman fort. „Sprecht mir nach: Wir wollen die Kugeln fürs ganze Leben sicher verwahren und keinem davon erzählen. Von nun an treffen wir uns hier in jedem Jahr am selben Tag. Diese Kugeln sollen das Zeichen sein für unseren Bund fürs Leben.“
Satz für Satz sprachen sie Rahman nach. War das feierlich! Wenn der Junge aus Bangladesh in diesem Moment von jedem einen Blutstropfen verlangt hätte – er hätte ihn bekommen. Selbst Hagen riss sich zusammen. Plötzlich verband sie alle ein durch unheimliche Kugeln, vielleicht sogar außerirdische, besiegelter Bund. Nur Lisa fiel ein, dass „Bund fürs Leben“ ein anderer Ausdruck für Ehe war. Sie waren also nun alle miteinander verheiratet, aber sie sprach es nicht aus. Jens las ihr Glück in ihren Augen.
Alle schwiegen einen Moment lang, blieben aber nicht mehr lange in der Hütte versammelt. Jeder nahm seine Kugel und ging.
Ja, so pathetisch hatte es begonnen. Schon vor Ablauf des folgenden Jahres aber zog Lisas Mutter zu ihrem neuen Lebenspartner nach Berlin. Die heimlich verliebte Zwölfjährige nahm ihre Kugel natürlich mit. Bei Jens landete die seine in einer alten Spielkiste. So überstand sie seinen weiteren Weg bis zum Kommissar mit Familienheim im Brandenburger Land. Und die anderen? Bald dachten sie nur noch selten an ihren „Bund fürs Leben“. Und wenn … War die damalige Szene, diese Begeisterung nicht peinlich komisch? Hatte es nicht genügt, dass sie ständig wegen ihrer Herkunft verprügelt worden waren?! Scheiß Kindheit!
Spätestens mit dreizehn fühlten sie sich zu erwachsen für solche Spiele. Im Jahr nach dem „Baumhausbund“ trafen sie sich wirklich noch und Lisa schrieb Rahman allabendlich eine schmachtende Mail. Später dann ungefähr wöchentlich … dann noch monatlich, denn in ihre neue Klasse ging ein Junge, der ungeheure Ähnlichkeit mit Porty hatte. Ohne ein Porty-Poster kam kein Mädchenzimmer aus und dieser Junge hatte ihre Hand viel länger gehalten als für einen ersten Gruß nötig. So war eine Mail an Rahman, um den Termin ihres nächsten Treffens zu verabreden, ihre letzte.
Die anderen älter gewordenen „Krössies“ wurden nicht mehr verprügelt. Nun zeigte sich, dass es allein das war, was sie miteinander verbunden hatte, um nicht zu sagen aneinander gekettet.
Die Kugeln?! Naja, die Jungen versuchten noch ein paar Mal, dem Geheimnis ihrer „außerirdischen“ Schätze auf den Grund zu gehen. Wunder gab es ja nicht. Noch mit 14 versuchten Hardy und Hagen, die mühsam zu erkennenden Zeichen als Geheimschrift zu entschlüsseln. An diesen Versuchen waren die Mädchen nicht mehr beteiligt und sie endeten erfolglos. Die Kugeln schienen sich zu nichts mehr zu eignen als zum Symbol einer endlich abgeschlossenen Kinderzeit.
Wer höbe schon solche Kindereien auf, noch dazu, wo man den Kugeln vieles nachsagen konnte, aber nicht, dass sie ansehnlich gewesen wären oder aus irgendeinem anderen offensichtlichen Grund wert, an die nächste Generation vererbt zu werden?
Jens war da eine Ausnahme. Er hatte eine richtig kitschige Anhänglichkeit entwickelt, alles Mögliche aufzuheben. Vielleicht hatte er schon mit Beginn seines Kriminalistikstudiums die Vorstellung, später einmal den eigenen Kindern zu erzählen, wie mutig er als Junge seine Krössis in eigentlich aussichtslose Kämpfe gegen eine Übermacht an Dreescher Neubauschulkindern geführt hatte und sie zu belehren: „Ihr müsst kämpfen und Niederlagen verarbeiten: hundertmal. Glaubt mir, es kommt immer ein einhunderterstes Mal, an dem ihr gewinnt. Auf das kommt es an. Danach habt ihr Ruhe.“ Ich glaube, wie sehr er sich geärgert hatte, zu den Losern gehört zu haben, hatte er längst vergessen.
Das Schicksal schien es nach dem Kinderschwur gut mit ihm zu meinen. Das Mobbing hörte auf, Jens bekam den Studienplatz seiner Träume und einen Arbeitsplatz in Berlin, gerade noch nahe genug zu seinem günstig erworbenen Häuschen im Brandenburgischen, er fand eine Frau, die ihn annahm, wie er war, und sie bekamen Zwillingstöchter, die er mit weisen Sprüchen, wie sie mit Verprügeltwerden umzugehen hatten, glücklicherweise verschonte, denn sie wurden nicht verprügelt – lauter Punkte, die geeignet waren, die eigenen Familienverhältnisse perfekt zu finden.
Seine Kugel und all das andere Spielzeug, das er auf dem elterlichen Dachboden gehortet hatte, bekam einen Platz im Keller des neuen Familienheims. Das meiste, womit Jens einst gespielt hatte, kam nicht in die engere Auswahl von Sinas und Leos Lieblingsbeschäftigungen. Aber das Haus der Marders war groß genug, um bei Bedarf noch viele solcher Kisten irgendwo unterzubringen. Jens dachte schon an seine Rolle als Großvater. Hätte jemand Jens erklärt, dass seine Familie bereits das Mal von Außerirdischen trug, er hätte wohl schallend gelacht. Schuld daran war, dass die Kugelbesitzer, wenn sie denn überhaupt noch welche waren, keinen Kontakt mehr miteinander hatten. Selbst ein Klassentreffen nach zehn Jahren Schulabschluss fand nicht statt – oder wenn, dann hatten alle Kugel-Krössies keine Einladung erhalten oder wenn doch, hatten sie sie alle einfach in den Müll geworfen …
2
Jens wurde wie gesagt Kriminalist. An einem Montag hatte er seinem Revier wieder ein seine Welt umwälzendes Gesprächsthema aufgedrängt: Die Feier zum neunten Geburtstag seiner Zwillingsmädchen Sina und Leonie sei ein echter Hit gewesen. Den halben Keller habe er ausgeräumt, um verrücktes Spielzeug aus seiner eigenen Kindheit hervorzuholen, und die Mädchen hatten in der Gartenwildnis Indianer gespielt. Indianer?! Ja, seine Mädchen spielten das! „Nix mit Schminken … Na gut, wenn man so will: Wir haben richtig Kriegsbemalung angelegt.“
Michelmann und die anderen gaben sich Zeichen – Jens Marder mit Kriegsbemalung - verdrehten die Augen, glaubten, dass ihr Jens das nicht merkte.
Den halben Vormittag berichtete er über den Erfolg der Gartenparty, während Janine, seine Frau, zuhause mit Aufräumen beschäftigt war. Sie warf zwar nichts weg, aber es landete eben auch nicht alles am alten Platz. Sie ahnte nicht, was sie dadurch anrichtete …