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Die Siedler auf Q23B
Leseprobe

1 (Donja Mau, Noytja, Prüfungsraum des Raumfahrtzentrums)

 

„Interessant: Junge Frau auf altem Poglio. Bo Xanorovs bekanntestes Werk aus seiner Übergangsphase …“

Genau das sind meine Worte beim Reinkommen. Interessant finde ich das Gemälde wirklich, nur eben doof und an diesem Ort fehl am Platze. Aber ich hätte besser die Klappe gehalten. Es geht schließlich nicht um ein Kunstseminar, sondern darum, mir die psychologische Tauglichkeit für den Einsatz im benachbarten Sonnensystem zu bestätigen. Und in diesem Sinn habe ich wohl gerade Minuspunkt Nummer 1 kassiert. Da habe ich mich wohl provozieren lassen. Die Prüferin ist nämlich meinem Blick beim Eintreten gefolgt und ich habe das glatt als Aufforderung zu einem Kommentar gedeutet. Einen Kommentar im Sinne von „Schau, ich kenne das Werk an deiner Wand …“ Besser, ich hätte mich weniger kunstverständig gegeben … Aber verlangt Raumeinsatz nicht auch viel Selbstbewusstsein? Blöd nur, dass einem das leider auch als Überheblichkeit ausgelegt werden kann! Schätze, nun habe ich eine Gegnerin. Die anfangs verblüffte Miene der Prüferin ist einem säuerlichen Lächeln gewichen, als müsse sie einen von mir ausgelösten Zahnschmerz unterdrücken. Dabei wollte ich nur den Prüfungsstress überspielen. Geht ja wirklich um was - ein Stück Leben und nicht um Schule.

Obwohl … Was die Tusse eigentlich hat? Vor ihr liegt doch mein Lebenslauf aus den Bewerbungsunterlagen, und da steht, dass meine letzte Schulerfahrung gerade ein Kunstmentoriat gewesen ist. Gerader geht's nicht. Da muss doch was haften geblieben sein?! Da muss ich doch über die Symbole, die Bo Xanorov in seiner Übergangszeit vom „spiegelnden Abbilden der Wirklichkeit“ zur „mathematisch-logischen Malerei“ verwendet hat, Bescheid wissen. Auch wenn ich die zum Abwischen finde: Halbrunde Kappen für das Weibliche an sich und zentral platzierte Bommel für die besondere Mädchenhaftigkeit – der Typ muss damals schon einen Schaden gehabt haben. Auf so was kann nur ein abgedrehter Mann kommen: Drei aneinandergelehnte Pyramiden als Reittier unserer Vorfahren für eine Frau?! Andere mögen da ja sonst was drin sehen, ich erkenne auf dem Bild weder eine Frau noch ein Poglio, das sie reiten könnte. Und ich werde das Grinsen nicht los: Die junge Frau – nehmen wir mal an, es wäre eine - hat zartgrüne Haut! Wahrscheinlich hat sich das Modell blaugelb geärgert über den damals schon berühmten Maler. Oder über die Vorstellung, die Kopie eines so perversen Gemäldes könnte einmal in einem Prüfungsraum für Raumflugaspiranten hängen.

„Hast du dir das auch wirklich gut überlegt?“

Na gut, Schluss mit Kunst, weg mit grüner Haut! Nun ist es so weit. Die Prüferin am Schreibtisch erwartet von mir eine Antwort. Die mir zugestandene Aufwärmzeit mit Bildbetrachtung ist abgelaufen. Ende der demonstrativ zur Schau gestellten Höflichkeit, die mir penetrant ins Gesicht geschwappt ist, und mit der die Mächtige noch geduldet hat, dass meine Blicke nach etwas neben oder hinter ihr suchen. Jetzt darf ich sie nicht mehr übersehen, sondern muss ihr unbedingt ins Gesicht schauen. Es gefällt mir nicht, dieses Gesicht und die Vorstellung, es jetzt ansehen zu müssen, und dass ich das verbergen muss, weil schließlich sie mich prüft und nicht umgekehrt …

Ich zwinkere, hefte meinen Blick auf den dunkelbraunen Fleck über dem rechten Wangenknochen der Frau mir gegenüber. Den hätte ich mir an ihrer Stelle wegmachen lassen.

Die Psychotusse spürt sicher, dass sie mir schon vor Einschalten des Verstandes unsympathisch war. Eine Sache von Sekundenbruchteilen. Den Eindruck muss ich irgendwie korrigieren! Sonst fall ich durch! Besser Kopf hoch und durch und Prüferin wie Poglio angelächelt! Es geht hier um mich. Jeder Kandidat für einen wichtigen Einsatz muss durch das psychologische Eignungsgespräch. Keine Ahnung, warum es entgegen jede Logik diesmal erst am Schluss kommt.

„… Vor Ihnen steht eine Bewährungsprobe von ganz neuem Kaliber.“

Kaliber?! Ist das nicht ein Ausdruck aus barbarischen Vorzeiten, wo Pani auf Pani geschossen haben? Die Tusse ist wohl von damals übrig geblieben.

Wenn ich jetzt frage, was sie zwischendurch gesagt hat, wirft sie mich gleich raus. Sie hält mich bestimmt für unfähig. Das hat sie selbst mit der herablassenden Art, mir Platz anzubieten, gezeigt … Oder soll sie erst einmal alle Interessenten verunsichern? Dabei … Mal ehrlich: Hat sie überhaupt eine Chance, mich abzulehnen? Wie viele junge Pani sind denn bereit, vier Jahre lang auf einem fernen Planeten für diese Fünffingrigen zu arbeiten? Doch nicht mehr als drei bis vier Dutzend auf der ganzen Noytja. Woher sollten die auch kommen? Die muss mich bestätigen! Die MUSS!

Dann diese Menschen … Was die sich einbilden? Kaum dass sie eigene Wünsche äußern können, wollen sie nicht mehr unter unsereins leben, sondern verlangen gleich einen ganzen eigenen Planeten. Und schon steht „Hilfe für siedelnde Menschen“ ganz oben auf der Heldenpunktliste. Mir kann's zwar recht sein. Punkte sind Punkte – nachher fragt keiner, ob sie berechtigt waren, nur haben muss ich sie … Aber richtig ist es nicht.

Jetzt schießt die Prüferin ihre Pfeile ab – mit einem Unterton, als ob ich nicht alt und klug genug wäre, um eine solche Entscheidung für mich zu treffen.

Ich sitze ganz ruhig da. Nichts wird mich verwirren.

„Hallo? Sie haben meine Frage verstanden?“

Meine Antwort kommt protokollgerecht: „Ja, habe ich mir gut überlegt.“

Hat die Frau wirklich eine andere Antwort erwartet?

„Sie kennen die Aufzeichnungen der Suchexpedition? Mit diesem Planeten ist etwas nicht in Ordnung.“

„Ja, kenne ich.“ Ich versuche, aus meiner Stimme das Abweisend-Gelangweilte herauszuhalten. Ich weiß genau, was die Frau bezweckt – und wahrscheinlich weiß sie, dass ich das weiß.

Dieser von Gerüchten umrankte Planet ist das Abenteuer schlechthin. Dazu für mich lauter Pflanzen, wie wir sie hier nicht kennen. Und echte Gefahren. Tussi, das bekommt man nur einmal im Leben geboten.

Ooops?! Habe ich gerade gelächelt? Hoffentlich kam das freundlich rüber!

Nun also eine letzte Psycho-Auslese. Entsetzt höre ich die Ankündigung der Prüferin: „Na, dann spielen wir die Aufzeichnungen noch einmal ab.“

Da klingt aber richtig Sadismus durch! Denkt die, ich gestehe jetzt ein, dass mich schon das erste Vorspielen der seltsamen Aufzeichnungen der Suchexpedition wirklich kurz ins Schwanken gebracht hat? Was hat die nur für einen ekligen Job. Ich weiß schon, warum ich „Psychologe“ auf die Liste von Berufen gesetzt habe, die für mich nicht infrage kommen. Anderen Leuten ins Innerste gucken zu müssen ist doch wie Kuscheltiere-Schlachten … Oder werden Mädchen härter auf ihre Eignung hin abgeklopft? Oder jugendliche Punktesammler? Oder nur weibliche Punktesammler?!

Ich unterdrücke ein Seufzen und konzentriere mich auf die Stimme aus dem Abspielgerät. Ich weiß, am Anfang wirkt alles noch wenig aufregend. Aber was später kommt … Ein Blick ins Gesicht der jungen Frau auf dem Gemälde. Für mich verdreht sie gerade die Augen. Sie kann mich verstehen …

In einem hat die Testerin ja recht: Ich muss abgebrühter werden. Ich rutsche also in eine etwas bequemere Position auf meinem Stuhl und spiele gespannte Aufmerksamkeit. Ich will dabei sein. Das allein zählt. Die ersten Sätze lass ich noch an mir vorbeirauschen. Toll von diesen Erkundern, dass sie noch staunen können und sich wundern, dass auf jenem fremden Planeten alles viel schneller wächst als bei uns und schon am Tag nach der Landung keine verbrannte Fläche mehr zu sehen ist. Dass ihnen also die Frage wichtig ist, ob es dort eine besonders gute Anpassung an seltenen und intensiven Regen geben könnte. Wie idyllisch alles wirkt.

Trotzdem deutet schon viel darauf hin, dass die Truppe von Anfang an unter Drogeneinfluss gestanden hat. Durch den sieht man vielleicht wirklich Poglios als blaue Pyramidenreihe oder umgekehrt. Warum aber muss ich mir deren Halluzinationen anhören?

Gut, eine blöde Frage: Ich will dorthin. Mir kann es genauso ergehen. Wer weiß, auf welche Weise die Erkunder ihre Rauschgifte aufgenommen haben. Eine Erklärung bieten sie immerhin an: Pilzsporen, die mit etwas Haarigem durch die Luft fliegen. Aber durch die Schutzanzüge?!

Oh, jetzt kommen die Aufzeichnungen zum ersten Ausflug. Ich könnte weiter dösen, ich weiß ja, was folgt. Es klingt immer noch idyllisch. Aber nach den ersten Sätzen ertappe ich mich doch dabei, der Stimme aus dem Abspielgerät aufmerksamer zu lauschen.

Nein, du Schreckschraube, du machst mir keine Angst. Dass Pflanzen wesentlich schneller wachsen als auf der Noytja, kann ja sein, aber dass sie vor den Schlägen der Macheten ausweichen, lässt nur den Schluss zu, dass die Wahrnehmung der Erkunder getrübt war. Gut, gut, Hinweis verstanden: Vorsicht ist geboten. Hätte gereicht, das als Warnung mitzugeben …

Ich schüttle den Kopf. Was für ein komisches Gefühl, erwachsene Pani in einer Extremsituation zu erleben und festzustellen: Sie führen sich gerade so unbekümmert, unvorsichtig bis sträflich leichtsinnig auf, wie sie es Jugendlichen unterstellen!

Oder urteile ich nur so streng, weil ich weiß, wie die Sache ausgegangen ist? Wie wäre ich die bevorstehenden Abenteuer ohne Belästigung durch das wiederholte Vorspielen dieser Aufzeichnungen angegangen? Lockerer bestimmt. Zu locker? Ich blinzele zur Prüferin hinüber. Die scheint davon überzeugt zu sein. Im Moment aber liegt ein zufriedenes Lächeln auf ihrem Gesicht. Das sieht gut aus. Sie will mich wohl nicht ablehnen, empfindet mich als lernfähig. Mit Sicherheit hat sie mir aber mein Entsetzen an der Stelle angesehen, an der der Angriff der spuckenden Pflanzen beginnt und die Urwald-Erkunder in heilloser Flucht nur noch hoffen, ihr Erkunder-Schiff zu erreichen. Oh Gott, diese Vorstellung: Da denkst du, du bist gleich wieder in Sicherheit und stellst fest, dass irgendwelche schlängelnden Pflanzen längst in dein Fahrzeug eingedrungen sind und die meisten Geräte unbrauchbar gemacht haben. Dazu der quälende Verdacht, diese Horrorpflanzen könnten mit Vorsatz und Bedacht ihre Verwüstungen angerichtet haben, sie könnten Verstand haben und zwar einen sehr feindlichen! Was soll man auch denken, wenn der Innenraum nicht nur oberflächlich zugewuchert, sondern gerade an zusätzlich verkleideten Stellen von irgendwelchen ätzenden Flüssigkeiten zerstört ist? Wahrscheinlich wirklich, dass das Vorsatz war.

Die zwei zurückgelassenen Mitglieder der Mannschaft sind spurlos verschwunden … Das ist schon schlimm genug, aber ich weiß ja, wie sich deren Schicksal aufklärt. So schrecklich eben, dass ich den Gedanken daran sofort verdrängen möchte.

Innerlich schüttele ich mich, sehe mich in der Rolle des Erzählers. Der wollte lieber selbst sterben, als das Erkundungsprojekt zu gefährden! So handeln Helden! Ich möchte das auch können. Wie unwichtig wird da die Hautfarbe einer Pogliofrau …

Endlich reiße ich mich zusammen. Ich werde ja nicht als Chef reisen … Leider lässt meine Kraft nach, mit der ich mir bislang sozusagen virtuell die Ohren zugehalten habe. Der Ton der Aufzeichnung dringt jetzt ungefiltert an mein gequältes Gehirn:

 

„Fünfter Tag

Ich war mir sicher, dass ich nicht geträumt hatte, sondern noch munter war, als ich eine warnende Stimme hörte und … unser junges Paar zu der Zeit sah, als wir uns durch den Wald schlugen! Mistel und Klotz genossen die Gelegenheit, zu zweit allein zu sein. Sie hatten alle Instrumente gecheckt und den stündlichen Ruf in den Orbit geschickt, dass alles in Ordnung sei. Sie waren ausgestiegen und hatten es sich neben der Luke in der Natur bequem gemacht. Ein vorschriftswidriger Leichtsinn - ich hatte es befürchtet. Wenn ich richtig sah, dann schliefen sie ohne Schutzanzug neben der offenen Luke des Landers. Ich sah hilflos zu, wie sich schlangenartige Pflanzengebilde näherten. Der automatische Alarm schlug nicht an, sodass die beiden friedlich weiter schliefen. Dann ging alles extrem schnell. Plötzlich drückten sich die Schlinggewächse vom Boden ab, schwangen durch die Luft, stürzten sich auf Mistel und fesselten sie. Von ihr kam kein Laut. Ich sah ihren Todeskampf nicht, dafür Klotz, wie er erst danebenstand und dann selbst erwürgt wurde. Wenig später bewegten sich die Schlingarme auf die Luke zu und drangen ins Innere. Einen Moment lang schieden sie Panireste aus. Ich hörte Krach aus dem Landerinneren, während ich draußen zusah, wie diese Monsterpflanzenarme die Oberfläche überwucherten. Im Zeitraffer.

Beklemmende Bilder. Doch ein Traum? Klar. Was außer einem Albtraum hätte das sein sollen? Jetzt war ich aber wach. Nur, ich konnte mich nicht erinnern, aufgewacht zu sein.

Ich wollte das gerade meinen Kameraden erzählen, da hörte ich eine Stimme im Helmfunk. Schläfrig murmelte Schluck: 'Wisst ihr, was ich gerade geträumt habe?'

Und dann … schilderte er detailgetreu meinen Traum, und anstatt das zuzugeben, fragte ich: 'Meinst du, du erkennst die Stelle wieder?'

Schluck nickte stumm. Hinter seinem noch immer geschlossenen, verschmierten Visier erahnte ich angstvoll geweitete Augen.

Das und Ausrufe der Anderen, sie hätten dasselbe gesehen, also geträumt, enthob mich der Peinlichkeit, einzugestehen, ebenfalls von diesem Horrortraum heimgesucht worden zu sein.

'Ras, Twa, haltet uns den Rückweg frei!'

Niemand fragte, wovon.

Und dann … Es würgt mich immer noch im Hals. Ohne Zweifel, wir fanden paniale Überreste. Wir brachten nicht die Kraft auf, sie in den Gleiter zu holen. Die Stelle zu markieren erschien unnötig.

Bei unserer Suche wurden wir nicht gestört. Vielleicht beobachtete ES uns, wie wir diese … 'Warnung' aufnahmen? Wir sahen uns immer wieder um, ohne etwas Verdächtiges zu bemerken. Das, was mir am Vortag als Tangschlangenwiese vorgekommen war, entpuppte sich als Ansammlung irgendwelcher seltsam geformter Pflanzen. Ohne den Tod der beiden Kameraden, die jetzt aussahen, als wären ihre Körper tagelang sorgsam von Tieren abgenagt worden, hätte ich uns für Opfer einer Suggestion gehalten. Andererseits faszinierte mich die Möglichkeit, wir könnten es mit einer vorsätzlichen Warnung zu tun haben. Was sollten das für Monster sein, die uns auf eine so drastische Weise warnen könnten? Und wovor warnen? So sehr ich mich umsah, ich entdeckte kein Wesen, das uns beobachtete. Mühsam schluckte ich den Kloß im Hals hinunter. 'Diskutiert nicht, warum, beeilt euch lieber bei den Reparaturen.'

Erhofften wir noch Knochen der ersten Erkundermannschaft zu finden?! Wir mussten die auf der Noytja warnen. Wenn wir das nicht schafften, wäre die nächste Katastrophe vorprogrammiert.“

 

Also wenn das kein Beweis ist?! Hier sind doch alle verrückt, zumindest der Berichterstatter der Erkunder-Leute. Wie konnte der solch billigen Horrortraum als ernsthafte Meldung an die Noytja schicken? Das ist ja so, als wenn mich jemand fragt, was ich vergangene Woche Spannendes erlebt habe und ich erzähle ihm meinen letzten Albtraum als tatsächlich Erlebtes!

Aber Noytjas Wissenschaftler sind auch nicht besser, wenn sie das zu einem Hörspiel über diesen Planeten zusammenbauen … von den Psychos gar nicht zu reden, die uns das vorspielen – und das auch noch mehrfach. Na gut. Als Abschreckung geht's …

Ich schlucke. Klar, man hat den Planeten Q23B zur gesperrten Zone erklärt. Den Nachrichten und Eindrücken von dort ist einfach nicht zu trauen … Aber ganz so schlimm kann's dann doch nicht sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die wirklich Knochen gefunden haben. Sonst würden wir die Menschen nicht dorthin schaffen, oder? Das ist doch nur zu verantworten, wenn es diese Knochen nie gegeben hat. Ein Glück, dass ich da nicht verantwortlich bin. Ich bekomme nur Punkte für den Einsatz. Ich verkneife mir also jede Nachfrage …

Unter Vestalinnen (Radix 2) Leseprobe

1 (Donja)

​

Ist mir schlecht! Der Schädel brummt, als hätte ich am Vorabend eine große Flasche Mulbeerwein niedergemacht. Mindestens! Ich schlucke mühsam gegen das Würgen in der Kehle an.

Vorsichtig öffne ich ein Auge. Oh nein! Yoniellas Gesicht! Es grinst mich an. Dazu höre ich ein lang gezogenes „Naaa!?“, das ich mit einem gereizten Fauchen beantworte: „Noch nie was vom Hib-Kater gehört?“ Ich drehe mich verärgert weg und schimpfe: „Scheiß Hibernation!“ Dann stöhne ich, schwinge meine Beine von der Liege und laufe zur Toilette. Etwas langsamer wanke ich zurück zu meiner Koje. Hätte ich bloß die Kraft, einen geeigneten Gegenstand zu greifen und ihn gut gezielt nach der Psychologin zu werfen! Stattdessen bedrängen mich wirre Erinnerungsfetzen, aus denen sich eine entsetzliche Frage herausschält: „Gion?“

Verdammtes Unterbewusstsein! Es beschwört Gions bewundernden Blick von damals herauf, diesen Blick, als wäre ich das erste schöne Mädchen, dem er je begegnet war. Meine Brustwarzen fühlen sich angesprochen, recken sich stolz in die Höhe bei der Erinnerung. Das passt nun gar nicht zu meiner Übelkeit …

Ganz langsam kommt die Erinnerung zurück. Aus dem Kokon des frisch Vergangenen entpuppt sich die Erkenntnis: Hinter mir liegt die größte Dummheit meines Lebens und das wichtigste Wesen darin ist nicht greifbar, weil Lichtjahre entfernt auf dem Radix. Alle Übelkeit dieser Welt habe ich verdient. Ich hab's vergeigt, verbockt, versaut.

Mein Zustand ist normal. Angeblich wachen die meisten Pani in ähnlicher Verfassung aus der Hibernation auf. Dann ist das eben so. Nicht nur auf dem Rückweg vom Radix nahe der Heimat Noytja. Und ein Junge ist Gion schon längst nicht mehr. So wenig wie ich Mädchen oder gar schön.

So sehr ich mich bemühe, das geliebte Gesicht Gions vor Augen zu behalten … es verwandelt sich unbarmherzig in Yoniellas.

Wütend drehe ich mich wieder weg. Lass mich schlafen! Und wenn ich aufwache, ist alles wieder in Ordnung.

Wenigstens das Einnicken gelingt.

Mit dem Gefühl, ausgeschlafen zu haben, werde ich zum zweiten Mal wach. Der umgestülpte Magen hat sich aus dem Rachen zurückgezogen. Ich kann wieder halbwegs vernünftig denken. Das heißt, die meisten Details aus der Zeit auf dem Radix habe ich wieder parat – wie Dateien abrufbar nach Chronologie, nach Relevanz, nach Stichworten. Leider sind auch jene, die ich lieber gelöscht hätte, wieder hergestellt. Ich weiß um meinen Abschiedsgruß an Gion, er solle bleiben, wo er ist. Das kann doch nicht das Ende gewesen sein! Aber was im Raumschiff passiert ist, ist noch nicht wieder da. Es bleibt ein nebliges Geheimnis, warum neben meiner Anabiosewanne drei Betten stehen und zu wem die gehören. Nur, dass Gions nicht dabei ist, ist klar eingebrannt …

Moment … Das Raumschiff mit den verhinderten Siedlern? War es nicht vorher schon voll und wir waren zusätzliche Passagiere, von denen mehrere in einer gemeinsamen Kabine untergebracht werden mussten? Die meiste Zeit in Anabiosewannen, in Planetennähe dann in Betten? Dass ich geweckt worden bin und im Bett liege, hieße demnach, die Noytja ist nicht mehr fern. Trotzdem: Zu wem gehören die leeren Schlafplätze? Ist Gion doch noch … ?

Die letzte Frage klärt sich schnell auf. Lamo kommt hereingestürmt, hinter ihr Nita und da ist auch diese Psychologin wieder, Yoniella.

Was denn, Nita?! Ist die nicht bei Josh?

Bevor ich fragen kann, besprudeln mich die drei mit Schnattereien. „Na, endlich ausgeschlafen?“

Etwas Neues kommt nicht dabei heraus. Oder doch: Ich erinnere mich jetzt dunkel, dass sich Nita mit Josh gestritten hatte, wonach wir vier spontan beschlossen zusammenzuziehen. Geteiltes Leid ist trotzdem keine doppelte Freude …

Ich runzele die Stirn. Irgendetwas irritiert mich an unserer Art der Unterhaltung. Und dann fällt es mir wieder ein: Seinerzeit hatte mein Baum mir die Fähigkeit vermacht, Gedanken zu lesen. Die der vielen anderen musste ich vorm Abflug vom Radix sogar bewusst wegdrücken, um Gions klar zu hören. Jetzt ist da nichts laut Gedachtes, nur Ausgesprochenes. Meine drei Zimmergenossinnen quatschen in eine seltsame Stille hinein! Ob ich Gions Gedanken noch hören könnte? Wohl auch nicht. In zwölf Jahren Kälteschlaf ist diese verfluchte Fähigkeit vermutlich verkümmert. Erfroren in der Hibernationskälte. Dabei hat gerade diese Fähigkeit des einseitigen Gedankenlesens uns damals entzweit. Warum nur musste ich mich aufwecken lassen? Ich möchte anders aufwachen, neben einem, der mich genauso wenig versteht wie ich ihn …

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